Gesammelte Texte

Aus dem Feuer gerissen

Aus: Rjabinovich, Petr: Aus dem Feuer gerissen

(Autobiographie eines jüdischen Bewohners Pinsks, der den Holocaust überlebte).

S.44ff.

1938 verkaufte der Gutsherr Orda sein Landgut in Mokraja Dabrowa an verschiedene Bauern. Viele Familien, die auf dem Gut arbeiteten, wurden dadurch arbeitslos, unter ihnen auch mein Vater.

Das war eine schwere Zeit in unserem Leben. Wir Kinder haben in Pinsk in einem Zimmer gelebt und die Schule besucht. Unsere Eltern sind dann auch nach Pinsk gezogen, und wir haben eine größere Wohnung in der Moniuskistraße 10 gemietet. Es war ein einstöckiges Haus aus Holz mit drei Flügeln. Wir hatten zwei Zimmer, eine Küche und eine Veranda. In diesem Haus wohnten drei Familien.

Pinsk ist eine jüdische Stadt gewesen. Pinsk hatte 36 000 Einwohner. Davon waren etwa 28 000 Juden. Die Übrigen waren Christen. Juden und Christen haben sehr gut miteinander gelebt. Die jüdischen Menschen waren zum Beispiel Schneider, Schuster, Juweliere und stellten alles her, was die Christen, die in den Dörfern wohnten, benötigten. Das Zusammenleben mit den anderen, den Ruthenen, Russen, Weißrussen, Polen und Deutschen war gut. Keiner hat den anderen gestört. Jüdische Geschäfte hatten am Schabbes und sonntags nicht geöffnet. Wenn ein Jude am Schabbes sein Geschäft geöffnet hätte, hätten die Juden nicht bei ihm gekauft. Wenn er sonntags sein Geschäft hätte öffnen wollen, hätte es ihm die Polizei nicht erlaubt, denn der Sonntag war der christliche Feiertag. An anderen Feiertagen war es auch so. Jüdische Schulen haben sonntags unterrichtet.

In der Stadt sprach man hauptsächlich Jiddisch, denn die meisten Bewohner waren Juden, und die Mehrheit der Christen hat bei Juden gearbeitet. Juden haben aber auch bei Christen gearbeitet. Fast alle Geschäfte gehörten Juden. Es gab nur ein Lebensmittelgeschäft, das einem Polen gehörte. Außerdem gab es eine große Bäckerei, die einem Christen gehörte. Wenn man zu einem Frisör ging, alle Frisöre waren Juden, haben alle untereinander Jiddisch gesprochen. Auch die Kinder haben untereinander Jiddisch gesprochen. Polnisch hat man nur gesprochen, wenn man zu einer Behörde ging. Auch auf dem Markt hat man Jiddisch gesprochen. Nur mit den Bauern, die ihre Produkte brachten, um sie zu verkaufen, hat man Russisch gesprochen, weil die meisten Bauern Russen oder Ukrainer waren. In Pinsk gab es unter den Christen nur sehr wenige Katholiken. Es gab mehr Orthodoxe.

Vor dem Krieg, bis 1939, hatten die Juden in Pinsk viele Synagogen. Fast jede Straße hatte ihre eigene Synagoge. Jeder Berufsstand hatte eine eigene Synagoge. Die Hauptsynagoge war in der Bonastraße, sie war sehr groß. Sie hatte Platz für 1.000 Menschen. Diese Synagoge hatte so dicke Wände, dass die Sowjets sie nicht sprengen konnten. Auch die Deutschen haben vergeblich versucht, die Synagoge zu zerstören. Erst 1952 wurde sie völlig zerstört. An ihrem Platz steht jetzt ein Theater.

S.72ff.

Bis zum August 1941 haben wir gearbeitet, und es ist ruhig gewesen. Es gab keine "Aktionen" gegen die Juden. Die Juden durften in ihren Häusern leben. Alle Geschäfte waren geschlossen, aber man durfte auf den Markt gehen, um Lebensmittel zu kaufen. Die Bauern brachten Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch und Gemüse auf den Markt. Unsere Hauptnahrungsmittel waren Kartoffeln und Graupen. Brot konnte man kaufen, aber es war sehr schlecht. Es war mit verbranntem Korn wie mit Kohle gebacken. Man konnte es kaum essen.

Am 7. August 1941 gab es eine Verordnung des Kommandanten der Stadt Pinsk. Alle Juden, die nicht arbeiten, müssen sich am 8. August beim Hauptbahnhof melden, und man wird sie zur Arbeit schicken. Nicht später als um 8 Uhr in der Früh sollten sie am Bahnhof sein. Es sind einige Hundert Menschen hingegangen. Man hat sie aus der Stadt herausgeführt, aber nicht zur Arbeit, sondern auf ein Kartoffelfeld. Dort hat man sie erschossen. Etliche haben sich fallen lassen, ehe man anfing zu schießen. Sie sind liegen geblieben, bis es dunkel geworden war. Dann sind sie nach Pinsk zurückgegangen und haben in der Stadt erzählt, was für eine "Arbeit" man ihnen gegeben hat. Diese Nachricht ist schnell von Haus zu Haus gegangen. Von dieser Nacht an hat man in jedem Haus gewusst, was uns bevorstand.

Auch am 8. August 1941 gab es einen Befehl, dass man sich am 9. August beim Bahnhof melden müsse, um zur Arbeit geschickt zu werden. Um 7 Uhr in der Früh musste man da sein. Keiner hat sich gemeldet. Dann hat man um 8 Uhr in der Früh angefangen, in jüdische Häuser zu gehen und jüdische Männer herauszutreiben, Kinder von sechs Jahren an und alte Menschen. Wer krank in seinem Bett lag und nicht herausgehen konnte, wurde in seinem Bett erschossen. An diesem Tag hat man 10.000 männliche Juden aus Pinsk herausgeführt.

Nicht weit von Pinsk, in Richtung Brest, ist das Dorf Kozlakovichi. Dort ist ein großes Feld, und auf diesem Feld hat man am 9. August 1941 10.000 männliche jüdische Menschen erschossen.

Bis zum 9. August 1941 konnten sich die Juden in der ganzen Stadt Pinsk frei bewegen. Sie durften die Stadt nur nicht verlassen. Nach dem 9. August begannen die Verbote für die Juden. An diesem Tag wurde auch das Ghetto eingerichtet. Die Juden, die in den Hauptstraßen wohnten, wurden ins Ghetto getrieben. Bis zum 1. Mai 1942 durften die Juden, die in kleineren Straßen wohnten, noch in ihren Wohnungen bleiben. Wir mussten die Radioapparate abgeben, und an den Häusern wurden die Stromleitungen abmontiert, so dass wir keinen Strom mehr hatten.

Wir mussten vorne und hinten auf der linken Seite unserer Kleidung einen gelben Kreis tragen. Es wurde den Juden verboten, auf dem Bürgersteig zu gehen, wir mussten auf der Fahrbahn gehen. So konnten wir auch nicht mehr mit den Christen auf der Straße sprechen. Kontakte zwischen Juden und Christen waren verboten. Es war Juden verboten, in das Haus eines Christen zu gehen, und Christen war es verboten, in das Haus eines Juden zu gehen. Die Polizei hätte beide erschießen können. Es war Juden verboten, auf den Markt zu gehen. Lebensmittel konnte man nur bei Christen kaufen, aber das war für Juden verboten. Auch vom Magistrat haben die Juden keine Lebensmittel bekommen. Nur bei der Arbeit konnten Juden und Christen Kontakte miteinander haben. So konnte man auch Kleider in Nahrungsmittel umtauschen. Wenn man von der Arbeit kam, war es schon dunkel, und man wurde nicht kontrolliert und durchsucht. So konnte man die Lebensmittel, die Christen für uns gekauft hatten, nach Hause bringen. Später im Ghetto war das anders, da war es verboten, Nahrungsmittel ins Ghetto zu bringen. Wir konnten auch kein Holz mehr kaufen, um etwas zu kochen. Das war verboten. Als wir noch in unserem Haus lebten, war es noch etwas einfacher. Wir konnten mit dem Holz unserer Möbel heizen und kochen.

S.87ff.

Bis zum 1. Mai 1942 hatten sich in Pinsk wieder über 20.000 Juden eingefunden. Bald wohnten im Ghetto 28.000 Juden. Die Zahl der jüdischen Bevölkerung wuchs ständig an, weil viele Juden vor den Erschießungen in den kleineren Städtchen und Dörfern nach Pinsk flohen in der Hoffnung auf Rettung. Sie dachten, sie würden länger leben und gerettet, weil Pinsk größer war und in Pinsk mehr Menschen lebten. Diese Hoffnung war trügerisch.

Eine Cousine meines Freundes Stachow ist nach Pinsk gekommen, nachdem man ihre ganze Familie erschossen hatte. Sie allein ist am Leben geblieben, weil sie sich der Polizei als Frau hingegeben hatte. Die Polizei hat sie am Leben gelassen. Sie hat aber in Pinsk auch nur noch fünf Monate gelebt und ist wie alle anderen auch ermordet worden. Sie war ein schönes Mädchen, und sie hat ständig ihre Geschichte erzählt. Das ist nur ein Beispiel.

Die Lebensbedingungen im Ghetto waren unmenschlich. Diejenigen, die arbeiteten, durften das Ghetto verlassen und hatten die Möglichkeit, etwas gegen Essen einzutauschen. Essen ins Ghetto mitzubringen, war streng verboten. Wen man dabei gefasst hat, dass er Lebensmittel ins Ghetto schmuggeln wollte, den hat man auf der Stelle erschossen. Im Ghetto wuchs kein Gras, denn die Menschen rissen alles aus, um es zu essen. Sie haben alles gegessen, was sie sahen, denn ein hungriger Mensch will essen. Es erkrankten viele an Dysenterie und Dystrophie. Besonders betroffen waren die Alten und die Kinder, sie starben zuerst. Es gab keine Hilfe.

S.98ff.

Wir haben gewusst, dass wir Menschen sind, die man erschießen wird. Jeden Tag hatte man nur einen Gedanken im Kopf, du lebst die letzte Zeit auf dieser Welt. Das haben die Menschen gewusst. Die Kinder, kleine Mädchen, drei und vier Jahre alt, haben nur gespielt, wie man Juden erschießt. Sie haben nicht gewusst, dass es andere Spiele gibt. Sie haben nicht wie Kinder gespielt.

Bei uns gab es keine Hoffnung. Wir haben am Horizont nur eine Sache gesehen, den Tod. Es gab nur einen Weg für uns, zur Grube. Auch die Kinder haben gewusst, dass sie die letzte Zeit ihres Lebens leben.

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