Gesammelte Texte

Essays zur Reaktorkatastrophe in Tschernobyl

Aus: Aleksievich, Svetlana: Tschernobyl, eine Chronik der Zukunft

S.179ff.

Monolog darüber, was wir nicht wussten: Der Tod kann so schön sein

In den ersten Tagen stellten wir uns immer wieder die Frage: Wer ist schuld? Als wir dann mehr erfuhren, überlegten wir: Was tun? Wie können wir uns in Sicherheit bringen? Heute, da wir uns damit abgefunden haben, dass das keine Sache von ein, zwei Jahren, sondern von mehreren Generationen ist, kehren wir in Gedanken nach und nach zurück, blättern Seite für Seite um.

Es geschah in der Nacht von Freitag auf Sonnabend. Morgens ahnte noch keiner etwas. Ich schickte meinen Sohn in die Schule, mein Mann ging zum Friseur. Ich bereitete das Mittagessen vor. Mein Mann kam bald zurück mit den Worten: "Im Atomkraftwerk hat es gebrannt. Wir sollen ständig das Radio eingeschaltet lassen." Ich vergaß zu sagen, daß wir direkt in Pripjat wohnten, also dicht am Reaktor. Noch heute sehe ich den himbeerfarbenen Schein vor mir, der Reaktor leuchtete irgendwie von innen. Es war kein gewöhnliches Feuer, sondern so ein Glühen. Wunderschön. Ich hatte so etwas noch nie gesehen, nicht mal im Kino. Abends strömten die Leute auf die Balkons, wer keinen hatte, ging zu Freunden oder Bekannten. Wir wohnten im neunten Stock, hatten beste Sicht. Kleine Kinder wurden auf den Arm genommen. "Guck mal! Das musst du gesehen haben!" Und das von Leuten, die im Atomkraftwerk beschäftigt waren! Ingenieure, Arbeiter, Physiklehrer... Wir standen im schwarzen Staub, redeten, atmeten und bewunderten das Schauspiel. Einige waren von weit her gekommen, mit Autos, mit Fahrrädern, um sich das anzusehen. Wir wussten nicht, dass der Tod so schön sein kann. Aber ich würde nicht sagen, dass er ohne Geruch war. Es war kein frühlingshafter und auch kein herbstlicher Geruch, da war etwas anderes, es war auch kein Erdgeruch. Es kratzte im Hals und die Augen tränten. Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen und hörte, wie auch über uns die Nachbarn hin und her liefen. Sie schleppten etwas, hämmerten, packten wohl. Ich nahm Zitramon, weil ich Kopfschmerzen hatte. Als es gegen Morgen hell wurde, schaute ich mich um und spürte - ich denke mir das jetzt nicht aus, ich habe das damals tatsächlich gespürt: Etwas hat sich verändert, ist anders geworden, ganz anders. Um acht Uhr früh zogen schon Soldaten in Gasmasken durch die Straßen. Als wir sie und das ganze Militärgerät in der Stadt sahen, erschraken wir nicht, sondern waren vielmehr beruhigt. Wenn die Armee zu Hilfe kam, würde sich alles normalisieren. In unser Bewusstsein war noch nicht eingedrungen, dass das friedliche Atom auch töten kann und dass der Mensch hilflos ist vor den Gesetzen der Physik.

Im Radio hießes den ganzen Tag, wir sollten uns auf eine Evakuierung vorbereiten, nur für drei Tage, die Stadt solle durchgespült und überprüft werden. Die Kinder sollten unbedingt ihre Schulbücher mitnehmen. Mein Mann packte für alle Fälle unsere Papiere und Hochzeitsfotos in den Aktenkoffer. Das einzige, was mir einfiel, war ein leichtes Kopftuch für schlechtes Wetter.

Seit den ersten Tagen spürten wir, dass wir Tschernobyler jetzt ein besonderes Völkchen waren. Der Bus, mit dem wir fuhren, hielt nachts in einem Dorf. Überall waren Leute untergebracht, schliefen in der Schule auf dem Fußboden, im Klub. Alles war voll. Eine Frau sagte: "Kommt, ich bring euch bei mir unter. Euer Junge tut mir leid." Die Frau neben ihr zog sie weg. "Bist du verrückt? Die sind doch verseucht." Am ersten Schultag - wir wohnten schon in Mogiljow - kam mein Sohn weinend nach Hause. Man hatte ihn neben ein Mädchen gesetzt, das ihn nicht wollte, er sei verstrahlt, und wenn sie neben ihm sitze, könne sie sterben. Mein Sohn ging damals in die vierte Klasse, er war der einzige in der Klasse aus Tschernobyl. Alle hatten Angst vor ihm und nannten ihn "Leuchtkäfer". Ich erschrak, dass seine Kindheit so früh zu Ende war.

Als wir aus Pripjat rausfuhren, kamen uns Militärkolonnen entgegen, gepanzerte Fahrzeuge. Da kriegten wir es doch mit der Angst zu tun. Aber mir war die ganze Zeit so, als ob nicht ich das erlebe, sondern jemand anders. Ich weinte, besorgte etwas zu essen, ein Nachtlager, nahm meinen Sohn in die Arme, tröstete ihn und hatte doch innerlich - es war nicht nur ein Gedanke - das ständige Gefühl, dass ich Zuschauerin bin. In Kiew bekamen wir das erste Geld, aber kaufen konnte man dafür nichts. Hunderttausende waren unterwegs, alles war weggekauft, weggegessen. Es gab viele Infarkte, Schlaganfälle damals, direkt auf den Bahnhöfen, in den Bussen. Mir hat meine Mutter Kraft gegeben. Sie hatte im Leben nicht nur einmal ihr Zuhause und Hab und Gut verloren. Das erste Mal war sie in den dreißiger Jahren Repressalien ausgesetzt gewesen, und man hatte ihr alles weggenommen: die Kuh, das Pferd, das Haus. Das zweite Mal war es ein Brand, sie konnte gerade noch mich aus dem Feuer retten. "Wir müssen durchkommen", sagte sie nur immer. "Wir leben doch."

Ich weißnoch: Wir sitzen im Bus. Weinen. Ein Mann ganz vorne schimpft laut seine Frau aus. "Du dumme Gans! Alle haben ein paar Sachen eingesteckt, bloß wir schleppen uns mit den blöden Einweckgläsern ab!" Seine Frau hatte die Busfahrt nutzen wollen, um ihrer Mutter leere Dreilitergläser zum Marinieren übergeben zu können. Nun häuften sich im Gang große Netze, wir stolperten ständig darüber. Mit nichts als diesen Gläsern sind sie nach Kiew gekommen.

Im Traum wandere ich oft mit meinem Sohn durch unser sonniges Pripjat. Heute ist es eine Geisterstadt. Wir gehen und betrachten die Rosen, in Pripjat gab es viele Rosen, große Rosenbeete. Ich war so jung. Mein Sohn war klein, ich habe geliebt.

Aber alle Angst habe ich vergessen, als ob ich nur Zuschauerin wäre.

(Nadeshda Petrovna Vigovskaja, Umsiedlerin aus der Stadt Pripjat)

S.253

Das ist Tschernobyl:

Auf der Fahrt in die Zone begegnen wir einer alten Frau in besticktem Rock mit Schürze und einem Bündel auf dem Rücken.

"Wohin, Oma? Jemanden besuchen?"

"Ich will nach Marki auf meinen Hof."

Aber dort sind 140 Curie! Sie hat 15 Kilometer zu laufen. Sie geht einen Tag hin und einen Tag zurück. Sie will ein Dreiliterglas holen, das seit zwei Jahren über einen Zaunpfahl gestülpt ist. Und so ist sie wieder mal auf ihrem Hof gewesen.

(Natalja Arssenevna Rosjova, Vorsitzende des Frauenkomitees "Kinder von Tschernobyl" in Mogiljov).

S.96ff.

Man hat es mir gesagt und ich bin gegangen! Es musste sein! Ich war Mitglied der Partei. Vorwärts, Kommunisten! So war die Lage. Ich arbeitete bei der Miliz. War Obersergeant. Man versprach mir ein neues Sternchen. Das war im Juni 1986.

Vorstellung bei der Ärztekommission war Pflicht, aber ich wurde ohne Untersuchung losgeschickt. Einer hatte gekniffen, hatte ein Attest gebracht, dass er ein Magengeschwür habe, und ich nahm seinen Platz ein, ganz schnell.

Wir fuhren als Militärangehörige, man stellte uns aber fürs erste als Maurerbrigade zusammen. Wir bauten eine Apotheke. Ich hatte gleich zu Anfang Schwächeanfälle, war immer schläfrig. Ich ging zum Arzt. "Alles in Ordnung."

Die Kantine bekam aus der Kolchose Fleisch, Milch, saure Sahne geliefert, wir aßen alles. Der Arzt hat nichts davon angerührt. Das Essen wurde zubereitet, und er hielt im Kontrollbuch fest, dass alles normgerecht sei, hat aber selbst nie Proben genommen. Das haben wir bemerkt. So war die Lage. Wir waren Draufgänger. Die Erdbeeren wurden reif. Die Bienenstöcke waren voller Honig.

Schon kamen die ersten Diebe. Wir vernagelten Fenster und Türen. Läden wurden geplündert, Gitter vor den Fenstern rausgebrochen, Mehl, Zucker lagen verstreut auf dem Fußboden; Bonbons, Pralinen, Konservenbüchsen... Aus dem einen Dorf waren die Leute ausgesiedelt worden, fünf bis zehn Kilometer weiter wohnten sie noch. Sachen aus dem verlassenen Dorf wanderten hinüber zu ihnen. Wir bewachten das Dorf. Eines Tages kommt der ehemalige Kolchosenvorsitzende mit Einheimischen. Die wohnten alle woanders, hatten Häuser bekommen, aber sie kehrten zurück, um das Getreide einzubringen, neu zu säen. Sie fuhren Heu in Ballen raus. In den Ballen fanden wir dann Nähmaschinen und Motorräder.

Schwunghafter Tauschhandel: Sie geben dir eine Flasche Selbstgebrannten für die Erlaubnis, einen Fernseher rauszuschaffen. Traktoren, Sämaschinen wurden verkauft und getauscht. Eine Flasche, zehn Flaschen, Geld interessierte keinen (lacht). Wie im Kommunismus, für alles gab es Tarife: ein Kanister Benzin, ein halber Liter Schnaps, ein Persianermantel, ein Motorrad, je nachdem, was man aushandelt. Ich konnte nach einem halben Jahr gehen, laut Stellenplan. Dann wurde Ersatz geschickt. Wir mussten etwas länger bleiben, weil welche aus dem Baltikum sich geweigert hatten. So war die Lage. Aber ich weiß, dass geklaut und rausgeschafft wurde, was nicht niet- und nagelfest war. Die Zone wurde bis hierher ausgedehnt. Sie brauchen nur auf Märkten, in Kommissionsgeschäften, auf Datschen zu suchen. Hinter dem Drahtzaun blieben nur der Boden und die Gräber zurück.

Wir trafen am Bestimmungsort ein, wurden eingekleidet. "Die Havarie ist längst vorbei", beruhigte uns der Hauptmann. "Vor drei Monaten passiert. Ist nicht mehr schlimm." Der Sergeant: "Alles in Ordnung, wascht euch nur die Hände vor dem Essen."

Ich war als Strahlenmesstechniker eingesetzt. Wenn es dunkel wurde, kamen junge Kerle mit Autos zu unserem Messwagen. Mit Geld, Zigaretten, Wodka... Wir sollten sie nur in dem beschlagnahmten Zeug kramen lassen. Sie packten die Taschen voll. Wohin sie die Sachen brachten? Sicher nach Kiew, nach Minsk, auf die Trödelmärkte. Was blieb, haben wir vergraben. Kleider, Stiefel, Stühle, Akkordeons, Nähmaschinen... Wir schütteten das Zeug in Gruben, die "Massengräber" genannt wurden.

Ich kam nach Hause zurück. Ging tanzen. Ein Mädchen gefiel mir.

"Ich möchte dich näher kennenlernen."

"Wozu? Du warst in Tschernobyl. Von dir hätte ich Angst, ein Kind zu bekommen!"

S.98

In den leeren Dörfern liefen verwilderte Schweine umher. An den Kolchosenbüros und Dorfklubs hingen Plakate: "Korn für die Heimat!", "Ruhm den sowjetischen Werktätigen der Landwirtschaft!",

"Die Heldentaten des Volkes sind unsterblich".

Ein verlassener Soldatenfriedhof. Ein geborstener Stein mit Inschrift: Hauptmann Borodin, Oberleutnant.

Soldaten, Disteln, Brennnesseln, Huflattich.

Ein bestelltes kleines Feld. Hinter dem Pflug geht der Besitzer. Als er uns sieht, ruft er: "Nicht schimpfen, Jungs. Wir haben schon unterschrieben. Im Frühjahr gehen wir."

"Und warum pflügen Sie dann noch?"

"Das sind doch die Herbstarbeiten."

Ich verstehe, aber ich muss es zu Protokoll nehmen.

(Soldat, der als Strahlenmesstechniker bei den Räumungsarbeiten eingesetzt wurde).

S.184ff.

Also, ich, ein promovierter Chemieingenieur, war von meinem Posten als Laborleiter eines Grossbetriebes weggeholt worden. Und wie wurde ich eingesetzt? Man drückte mir einen Spaten in die Hand, praktisch mein einziges Werkzeug. Sofort entstand ein Aphorismus: Mit dem Spaten auf das Atom - Schutzmittel: Gasmasken, Atemschutzmasken, aber keiner legte sie an, weil es heiß war, bis zu 30 Grad, man wäre ja darunter erstickt. Wir quittierten sie als Zusatzausrüstung und vergaßen sie.

S.250ff.

In den Instruktionen für den Fall eines Atomkriegs ist vorgeschrieben, dass bei drohendem Atomunfall oder atomarem Angriff sofort prophylaktisch Jod an die Bevölkerung ausgegeben werden muss. Bei drohendem Unfall? Und hier, 3 000 Mikroröntgen pro Stunde. Sie aber fürchten nicht um die Menschen, sondern um ihre Macht. Ein Land der Macht und kein Land der Menschen. Die Priorität des Staates steht außer Zweifel. Aber der Wert eines Menschenlebens ist faktisch gleich Null. Es hätten sich doch Wege gefunden! Ohne Ankündigungen, ohne Panik, einfach Jodpräparate in die Trinkwasserreservoire einführen oder der Milch zuführen. Nun, man hätte es vielleicht gemerkt, das Wasser schmeckt anders, ebenso die Milch. In der Stadt wurden 700 Kilogramm Jodpräparate bereitgehalten. Sie blieben einfach in den Depots. Man hatte mehr Angst vor dem Zorn von oben als vor dem Atom. Jeder wartete auf einen Anruf, einen Befehl, aber keiner unternahm selbst etwas. In meiner Aktentasche hatte ich immer ein Strahlenmessgerät. Wozu? Sie ließen mich nicht durch, ich ging ihnen auf den Wecker. In ihren großen Arbeitszimmern. Ich hatte das Messgerät bei mir und legte es an die Schilddrüse der Sekretärinnen und der persönlichen Chauffeure, die in der Anmeldung sassen. Sie erschraken, und manchmal half das. Ich wurde hereingelassen. "Was soll diese Hysterie, Professor? Als ob nur Sie allein sich um das weißrussische Volk sorgen! Der Mensch stirbt sowieso von etwas, entweder vom Rauchen oder durch einen Autounfall, oder er nimmt sich selbst das Leben." Man lachte über die Ukrainer. Die lagen im Kreml auf Knien, erbaten Geld, Medikamente, Messgeräte.

Sie reichten nicht. Aber unser Mann (gemeint ist Sljunkow) hatte innerhalb einer Viertelstunde über die Lage berichtet: "Alles normal. Wir schaffen es aus eigener Kraft." Ein Lob: "Hervorragend, ihr weißrussischen Brüder!"

Wie viele Menschenleben hat dieses Lob gekostet?

Ich bin darüber informiert, dass sie selbst, die da oben, Jod eingenommen haben. Als Mitarbeiter unseres Instituts sie untersuchten, war bei allen die Schilddrüse sauber. Ohne Jod wäre das nicht möglich gewesen. Ihre Kinder haben sie auch heimlich weggebracht, um Schlimmes zu verhüten. Wenn sie selbst auf Dienstreise gingen, hatten sie Atemschutzmasken und Schutzkleidung dabei. All das, was andere nicht hatten. Es ist auch längst kein Geheimnis mehr, dass bei Minsk eine extra Viehherde gehalten wurde. Jede Kuh trug ein Nummernschild und wurde individuell versorgt. Extra Böden, extra Treibhäuser, Sonderkontrolle. Widerwärtig (er schweigt.) Dafür ist noch keiner zur Rechenschaft gezogen worden.

Man ließmich nicht mehr vor. Hörte mich nicht mehr an. Ich überschüttete sie mit Briefen, schriftlichen Berichten. Verschickte Karten, Zahlenmaterial an alle Instanzen. Vier Mappen mit je 250 Blättern. Fakten, nur Fakten. Für alle Fälle hatte ich zwei Exemplare kopiert, eins befand sich in meinem Büro, das zweite zu Hause. Meine Frau hatte es versteckt. Warum ich Kopien gemacht habe? Wir leben doch in so einem Land. Mein Dienstzimmer schloss ich immer selbst ab. Eines Tages komme ich von einer Dienstreise zurück, die Mappen sind verschwunden. Aber ich bin in der Ukraine aufgewachsen, meine Vorfahren sind Kosaken. Kosakencharakter! Ich schrieb weiter. Trat weiter öffentlich auf. Man musste doch die Menschen in Sicherheit bringen! Sie dringend aussiedeln! Wir kamen aus dem Reisen nicht heraus. Unser Institut entwarf die erste Karte der "verseuchten Gebiete". Der ganze Süden war rot gekennzeichnet.

Das ist bereits Geschichte. Die Geschichte eines Verbrechens.

Aus dem Institut wurden sämtliche Messgeräte für Radioaktivität eingezogen. Wurden einfach beschlagnahmt. Ohne Erklärung. Drohanrufe zu Hause: "Professor, hör auf, den Leuten Angst einzujagen! Wir schicken dich dahin, wo der Pfeffer wächst. Errätst es? Habt ihr vergessen? So schnell vergessen?" Druck auf Mitarbeiter des Instituts. Einschüchterungsversuche.

Ich schrieb nach Moskau.

Platonow, der Präsident unserer Akademie, ließ mich kommen.

"Das weißrussische Volk wird sich eines Tages an dich erinnern, du hast viel für das Volk getan, aber es ist schlimm, dass du nach Moskau geschrieben hast. Sehr schlimm! Man fordert von mir, ich soll dich von deinem Posten entfernen. Warum hast du dahin geschrieben? Begreifst du nicht, gegen wen du ausgeholt hast?"

Ich habe Karten, Zahlenmaterial. Und sie? Sie hätten mich in die Psychiatrie stecken können. Sie drohten mir damit. Ich hätte in einen Autounfall verwickelt werden können. Man warnte mich. Man hätte einen Strafprozess gegen mich anstrengen können. Wegen antisowjetischer Hetze. Oder wegen einer Kiste Nägel, die vom Wirtschaftsleiter des Instituts nicht registriert wurde. Ein Prozess wurde gegen mich angestrengt.

Sie erreichten, was sie wollten. Ein Infarkt warf mich nieder.

Ich habe alles festgehalten, in einer Mappe. Fakten, nur Fakten.

Wir untersuchen Kinder in den Dörfern, Jungen, Mädchen.

1.500, 2.000, 3.000 Mikroröntgen, über 3.000. Die Mädchen, sie werden keine Kinder kriegen können. Sie sind genetisch gezeichnet.

Ein Traktor pflügt. Ich frage den Mitarbeiter des Kreisparteikomitees, der uns begleitet:

"Hat der Traktorfahrer wenigstens eine Atemschutzmaske?"

"Nein, sie arbeiten ohne."

"Wie, habt ihr keine bekommen?"

"Aber nein! Wir haben so viele bekommen, dass sie bis zum Jahre 2000 reichen. Aber wir geben sie nicht aus. Sonst entsteht Panik. Dann rennen alle weg, ziehen weg!"

"Was machen Sie bloß!"

"Sie haben gut reden, Professor! Wenn man Sie von Ihrem Arbeitsplatz verjagt, finden sie eine andere Arbeit. Aber wo soll ich hin?"

Was für eine Macht! Die grenzenlose Macht eines Menschen über einen anderen. Das ist kein Verrat mehr, das ist Krieg gegen Unschuldige.

Wir fahren am Pripjat entlang. Am Ufer stehen Zelte, Familien verbringen dort ihren Urlaub. Baden, sonnen. Sie wissen nicht, dass sie schon mehrere Wochen unter einer radioaktiven Wolke baden und sich bräunen. Es ist uns streng verboten, mit ihnen zu reden. Aber ich sehe Kinder. Ich gehe zu Erwachsenen hin und beginne zu erklären.

Warum schweigen Rundfunk und Fernsehen? Unser Begleiter - normalerweise fuhr jemand von den lokalen Behörden aus dem Kreiskomitee mit, das war so geregelt - er schweigt. Ich kann an seinem Gesicht ablesen, was für Gefühle in ihm kämpfen: melden oder nicht melden? Andererseits ist es schade um die Menschen! Er ist doch ein normaler Mensch. Aber ich weißnicht, was siegen wird, wenn wir zurück sind. Wird er es melden oder nicht? Jeder hat seine Wahl getroffen.

Was fangen wir heute mit dieser Wahrheit an? Jetzt? Wie halten wir es mit ihr?

Wenn es noch einmal kracht, wiederholt sich das Ganze. Wir sind nach wie vor ein stalinistisches Land und der stalinistische Mensch ist noch lebendig.

(Vassilij Borissovich Nesterenko, ehemaliger Direktor des Instituts für Kernenergie an der Akademie der Wissenschaften Weißrusslands).

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