Gesammelte Texte

Minsk, die Sonnenstadt der Träume

Aus: Klimov, Artur: Minsk, die Sonnenstadt der Träume

(Artur Klimov ist Architekt, Künstler und Publizist. Er ist Herausgeber der einzigen Zeitschrift für zeitgenössische Kunst in Belarus "pARTisan").

Wer zum erstenmal nach Minsk kommt, ist irritiert und überwältigt von den riesigen Boulevards, den endlosen Parks mitten im Zentrum, den vielen mit sonderbarem Dekor reich verzierten Palästen. Die surreale Atmosphäre dieses Ortes, in dem man sich wie ein Held Kafkas, Canettis oder Charms’ fühlt, ist heute, nach der Niederschlagung der weißrussischen Oppositionsbewegung, greifbarer denn je. Von den Sowjets als ideale Stadt, als Verwirklichung der kommunistischen Utopie entworfen, hat Minsk sich in einen Raum des Absurden verwandelt: architektonisches Monument einer Stadt des Glücks und Ausdruck der Unmöglichkeit, es zu erlangen. Hier findet der Kampf um die Zukunft statt, die Demokratie drängt hinein, die die Errichtung einer idealen Stadt schon immer torpediert hat.

S.11ff.

Wenn Sie mit dem Zug aus Europa nach Minsk reisen, müssen Sie, noch bevor Sie in der Sonnenstadt der Torplatz empfängt, durchs Fegefeuer - durch das erste Tor an der Grenze zum Land des Glücks. Alle Züge, die auf sein nun schon ehemaliges Territorium fahren, müssen die Räder wechseln, ein unvergeßliches, seltsames Schauspiel. Wenn man nachts an die Grenze kommt - aus irgendwelchen Gründen fahren die meisten Züge aus Europa nachts über die Grenze -, rollt der Zug nach der Paß- und Zollkontrolle in eine riesige, langgezogene Werkhalle. Die Ästhetik dieser Werkhalle ist dieselbe wie noch vor Jahrzehnten. Hohe, rauchgeschwärzte Fenster, schmutziggraue Wände, plumpe, dutzendmal überpinselte grüne Metalltische für die Werkzeuge, ein Kran, der von Zeit zu Zeit mit großem Krach über Ihren Kopf hinwegschwenkt; unzählige kleine, dunkelbraune Türen, die irgendwohin führen.

Aus diesen unzähligen Türen entlang der ganzen Werkhalle kommen plötzlich kleine Menschen in schwarzen, ölverschmierten Kitteln.

Wenn Sie in den Vorraum Ihres Waggons gehen, um zu rauchen, und diesen Menschen zuschauen, ernten Sie feindselige Blicke. Doch diese Leute sind alles andere als bösartig. Vielleicht ärgern sie sich ein wenig, daß sie zu dieser späten Stunde in einer halbdunklen, dreckigen Werkhalle mit schweren Vorschlaghämmern auf Metall schlagen, zentnerschwere Haken ziehen und Radachsen bewegen müssen.

Die kommunistische Idee war ein Projekt zur Errichtung des allgemeinen Glücks. Hat die Menschheit jemals eine edlere und schönere Sozialdoktrin formuliert? Gleichheit, Brüderlichkeit, Gerechtigkeit. Eine Gesellschaft der allgemeinen Harmonie, jeder nach seinen Fähigkeiten, jeder nach seinen Bedürfnissen, das Paradies auf Erden, ein Ort, den es nicht gibt, Utopia.

S.53ff.

In meiner Kindheit gab es in der Sonnenstadt schon keinen Gott mehr. Als ich die Erzieherin im Kindergarten fragte: Warum gibt es Gott nicht? antwortete sie mir: Gagarin ist ins Weltall geflogen und hat ihn dort nicht gefunden. Ich hatte mir vorgestellt, daß Gott als bärtiger Opa in weißem Gewand und mit weißen Flügeln in dem schwarzen Raum über der Erdkugel schwebt. Aber Gagarin ist mit seinem Raumschiff einige Male um die Erde geflogen und hat aus seinem Bullauge den fliegenden Opa nicht gesehen. Also gibt es ihn wirklich nicht. Gagarin war für mich eine Autorität.

Die Bürger des Lands des Glücks glaubten nicht nur daran, daß sie nicht an Gott glauben, sie waren auch stolz darauf. Sie fühlten sich denen überlegen, die in der Zeit zurückgeblieben waren, in der Gott noch lebte. Dies war die Überlegenheit der wissenschaftlichen Avantgarde, die den Obskurantismus besiegt hat, der stolze Blick des Menschen, der die Natur überwunden hat, auf den Menschen, der in Abhängigkeit von ihr lebt.

Ich erinnere mich, wie ich mich schämte, auf die Straße zu gehen, als man mich verdächtigte, ich stünde in Kontakt mit Gott. Ich schämte mich und war verärgert, weil dies gegen meinen Willen passierte. Es geschah, als wir aus unserem Haus in der Lomonossow-Straße, wo ich meine frühe Kindheit verbracht hatte, in eine neue Wohnung in der Tscherwiakow-Straße zogen. Sie lag in einem alten und sehr exotischen Stadtteil namens Storoschowka, auf weißrussisch Staraschouka, der berühmt war für seinen Vogelmarkt, auf dem auch Katzen, Hunde, Kaninchen, Hühner, Schweine und anderes Getier verkauft wurden.

Unmittelbar vor dem Umzug in die neue Wohnung hatten wir meine Großmutter beerdigt. Sie litt an Krebs und starb noch in der alten Wohnung. Meine Großmutter war gläubig, deshalb beerdigten wir sie nach kirchlichem Brauch mit Popen und Totenmesse. Ein paar Tage nach dem Umzug nach Staraschouka lud meine Mutter irgendwelche Frauen aus der Kirche zum Totengedenken am vierzigsten Tag nach dem Tod ein. Diese alten Frauen, die mir völlig unbekannt waren, trugen lange schwarze Kleider und hatten sich in schwarze Tücher gehüllt. Meine Mutter war Parteimitglied und kannte sich in Kirchendingen nicht aus, deshalb hatte sie die Frauen eingeladen. Sie sollten ihr helfen, das Totengedenken dem Brauch entsprechend zu gestalten. Es war Ende September, warmes Wetter, die Fenster des Zimmers, in dem der Tisch zum Totengedenken gedeckt war, standen offen. Nachdem die Frauen in Schwarz wie vorgeschrieben einige Zeit am Tisch gesessen hatten, begannen sie zu beten. Sie beteten mit voller Stimme - laut und singend. Es war früher Abend, und auf dem Hof unseres Hauses waren alle möglichen Leute. Ich wollte die Fenster schließen und die Frauen anschreien, sie sollten leiser beten, flüsternd, so leise, daß sie niemand hört. Aber natürlich hörten sie alle, die zu dieser Zeit im Hof waren. Die Kinder, mit denen ich mich erst noch anfreunden wollte, versammelten sich unter unserem Fenster, schauten kichernd empor und beredeten irgendwas.

Ich erinnere mich, wie sie am nächsten Tag guckten, als ich in den Hof kam. Sie standen ganz hinten am anderen Ende, flüsterten und warfen mir spöttische, neugierige Blicke zu. Ich glaube, sie hielten uns für "Sektierer", aber ich verspürte keine Lust, sie vom Gegenteil zu überzeugen. An diesem Tag bat ich meine Mutter, mir am nächsten Sonntag auf dem Vogelmarkt einen Hund zu kaufen.

S.167ff.

Wenn Sie aus der Sonnenstadt herausfahren - ganz gleich ob mit dem Zug oder mit dem Auto -, dann werden Sie von der seltsamen Leere dieses Landes erstaunt sein. Doch erst einmal bleiben die Plätze der Gelben Stadt hinter Ihnen zurück, der breite Prospekt, die Wand-Paläste, die Fenster-Paläste, die symmetrischen Türme des Tors und die acht schweigenden Stadtwächter, die so tun, als bemerkten sie Ihre Abreise nicht. Die Parks winken Ihnen mit den Sekundenzeigern der gigantischen Uhren zum Abschied nach. Die Geometrie der Augen auf dem Platz der Weisheit atmet erleichtert auf und wirft Ihnen einen Blick hinterher, das Lenindenkmal schielt heimlich zu Ihnen herüber. Wenn Sie an einem Sommerabend nach einem heißen Tag aus der Stadt fahren, spüren Sie den Atem der feuchten, warmen Luft jenes Meeres, das es in dieser Stadt nicht gibt. Verlassen Sie sie im Winter, dann bleibt die eindringliche, schwarzweiße, eisige Klarheit der Stadt in den hintersten Winkeln Ihres Gedächtnisses haften, einer seltsamen Stadt, die einsam an einer Stelle steht, an der Europa endet und ein Kontinent beginnt, der sich bis zu den fernen Ozeanen hinzieht. Wieder kehren Ihnen die Fabrikvororte mit ihren Mauern und Hallen den Rücken zu, und die Neubausiedlungen fliegen gleichgültig an Ihnen vorbei nach Osten. Dann fahren Sie in einen Raum, in dem unter einem seltsamen, endlosen Himmel fast kein Mensch zu finden ist. Bevor Sie zur Grenze gelangen, fahren Sie einige hundert Kilometer durch ein wüstenartiges Land, durch einen Raum, in dem Sie nur vom Gold der Felder und den immergrünen Kronen der Fichtenwälder umgeben sind, die sich wie in einem Spiegelkabinett unendlich reproduzieren.

Einst als Kind erschreckte mich die Leere dieses Landes. Später entdeckte ich darin einen Zauber, den ich früher nicht hatte sehen können. In dieser wüstenhaften Leere liegt etwas, das den Menschen in Bann schlägt, wenn er von dem überfüllten europäischen Raum ermüdet ist. Ihre Anziehungskraft verstärkt sich durch das unabweisbare Gefühl einer Präsenz. Dieses Gefühl gleicht jener Empfindung, die sich einstellt, wenn man in eine alte gotische Kathedrale tritt und spürt, daß sie von der Energie vieler Menschengenerationen erfüllt ist, die hier lebten, beteten und beerdigt wurden. Dieses Land gleicht einer gotischen Kathedrale, in deren scheinbarer Leere unsichtbare Ereignisse und Städte anwesend sind, Millionen Menschen, die diesen Himmel vor Ihnen gesehen haben, unter ihm gelebt haben und gestorben sind. Es ist wie auf einer leeren Bühne: Die Dekorationen sind abgeräumt, doch das unhörbare Echo des Stücks, das vor Ihrer Ankunft gespielt wurde, hängt noch in der durchdringenden Stille.

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