Gesammelte Texte

Schreie eines Volkes in mir

Aus: Schulmann, Faye: Die Schreie eines Volkes in mir

(Autobiographie einer belarussischen Jüdin aus Lenin, einer Kleinstadt nahe Pinsk, die als 19jährige als Krankenschwester mit den Partisanen kämpfte).

S.105ff.

Ich gehe zu den Partisanen

Im Gestapo Hauptquartier behandelten mich die Nazis, als ob nichts geschehen sei. Sie gaben mir meinen Photoapparat zurück und teilten mir ein ukrainisches Mädchen, Marischa, als Gehilfin zu; ihr sollte ich mein Handwerk beibringen. Es war offenkundig, daß sie mich ersetzen wollten und daß ich für sie bald überflüssig sein würde. Fast zwei Wochen lang arbeitete ich mit Marischa in der Dunkelkammer. Meinen Widerstand übte ich dadurch aus, daß ich ihr sowenig wie möglich beibrachte. Aber sie war hartnäckig, wollte immer mehr lernen. Ich brachte ihr bei, daß man einen unentwickelten Film oder Abzugspapier auch dem schwächsten Licht nicht aussetzen darf. Durch diesen Trick konnte ich alle Bilder meiner Familie in der Dunkelkammer aufbewahren; sie glaubte, es sei unentwickeltes Material, und paßte gut darauf auf.

Wieder im Ghetto, mitten in der Nacht, wachte ich in Panik aus meinem unruhigen Schlaf im zügigen Flur auf. Ich dachte: "Was wird mit mir geschehen? Bald wird die Ukrainerin mein Handwerk beherrschen, und sie werden mich umbringen. Hier bleibt mir nichts anderes als der Tod. Ich muß fliehen. Aber wenn ich floh, wäre das Leben der sechsundzwanzig anderen in Gefahr."

Zwei Wochen waren seit der Ermordung meiner Familie vergangen. Ich lebte mit fünf Familien, den einzigen jüdischen Überlebenden von Lenin, in diesem Haus, aber ich kam mir völlig isoliert vor. Die fünf Familien waren zusammengeblieben, ich aber war allein auf der Welt. Außerhalb des Hauses war ich von Feinden umgeben. Ich wälzte mich hin und her und grübelte über mein Dilemma nach. Plötzlich hörte ich Schüsse und Sirenengeheul. Alle im Haus wachten auf und sahen aus dem Fenster. Menschen rannten durch die Straßen: Nazis, Kollaborateure und Partisanen. Uns war klar: Sowjetische Partisanen hatten Lenin angegriffen.

Was sollten wir jetzt tun? Weglaufen oder dableiben? Ich wollte zu den Partisanen überlaufen. Die anderen sagten: "Nein! Du willst weglaufen, weil du allein bist. Wir haben Familien. Für uns ist es zu gefährlich."

Die Schießerei wurde immer stärker.

Ein energisches Klopfen an der Tür. Im Torbogen stand ein Partisan, ein großer jüdischer Bursche aus unserer Stadt. Er trug eine Mischung aus Zivilkleidung und Uniform; eine Pistole und ein paar Handgranaten hingen an seinem Gürtel. In der Hand hielt er eine Maschinenpistole. "Wir haben von euch gehört", sagte er. "Ich komme, um euch zu sagen, daß ihr fliehen sollt. Rettet euch! Lauft, so schnell ihr könnt! Wir haben viele eurer Mörder erschossen. Wenn ihr bleibt, wird man euch alle morgen foltern und erschießen." Nun war die Gruppe entschlossen zu fliehen. Im Kugelhagel rannte ich mit aller Kraft auf das Waldgebiet zu, aus dem Ghetto und aus der Stadt hinaus. Überall lagen Tote. Als ich den Stadtrand erreichte, hielten mich zwei Partisanen an. "Wohin willst du?" fragten sie. Ich antwortete: "Ich laufe weg vom Ghetto. Ich möchte zu den Partisanen. Nehmt mich mit!"

"Nicht so schnell", erwiderten sie, "zuerst brauchst du die Erlaubnis des Kommandanten." Unbewaffnete Juden akzeptierten die Partisanen nur ungern - noch dazu, wenn es sich um eine Frau handelte. Sie dirigierten mich in die Richtung, in der sie zuletzt den Kommandanten gesehen hatten. Ich rannte weiter. Jeden Partisanen, den ich auf dem Weg traf, fragte ich: "Wo finde ich den Kommandanten?" Als ich endlich bei ihm war, zitterte ich vor Angst. Er trug eine sowjetische Militäruniform, hatte zwei Pistolen im Gürtel stecken und hielt eine Maschinenpistole in der Hand. Er fragte mich nach meinem Namen. Als ich ihn nannte, wußte er schon Bescheid. Er wußte, daß mich die Nazis am Leben gelassen hatten, weil sie mich als Photographin brauchten, daß meine Schwester mit Dr. Feldman verheiratet war und beide nicht mehr lebten.

Weil mein Schwager Mediziner gewesen war, nahm er offenkundig an, daß ich schon allein deswegen wissen müßte, wie man Verwundete verarztet. "Du kommst mit", befahl er.

Der Überfall war vorbei, die Partisanen kehrten in ihren Stützpunkt zurück. Ich war dabei und ich lebte. Es war wie im Traum. Man hatte mich unter die sowjetischen Partisanen aufgenommen! Ich wußte zwar nicht, was mich erwartete, was für ein Leben mir bevorstand, aber ich wußte, daß ich Glück hatte. Ich war jetzt eine Partisanin und mußte keine Angst mehr vor den Nazis haben. Ich riß den gelben Davidstern herunter. Wir machten uns auf den Weg in den Wald hinein.

S.108ff.

Nach einem mehrstündigen Fußmarsch auf dem unebenen, schwer begehbaren Waldboden war ich völlig erschöpft. Meine Schuhe eigneten sich nicht für die holprigen Wege und den sumpfigen Boden und fielen bald auseinander. Manchmal versank ich bis zu den Knien im Schlamm. Die Schwerverwundeten transportierte man in einem Pferdewagen. Der Wagen war überfüllt und schaukelte auf dem unebenen Gelände hinter dem einzigen Pferd, das ihn zog, hin und her. Die Schmerzen der Verwundeten konnte ich nur zu gut nachempfinden. Auch das kleine magere Pferd war erschöpft.

Ich hörte, wie ein Partisan zu einem anderen sagte: "Das Pferd schwitzt. Wir müssen es zudecken, sonst macht es nicht mehr lange mit. Aber wir haben keine Decken." Wenn das Pferd zusammenbräche, müßten wir die Verwundeten auf unseren Schultern bis ins nächste Dorf tragen. Dort könnten wir vielleicht ein frisches Pferd bekommen. Da ich als einzige einen Mantel besaß, überlegte ich nicht lange, zog ihn aus und gab ihn als Pferdedecke her.

S.17ff.

Es WAR KURZ vor Ende des Jahres 1942. Unser Partisanentrupp hatte die Anweisung bekommen, das Quartier in den Wäldern zu verlassen und einen erneuten Angriff auf die Stadt Lenin zu unternehmen. Mischa, der russische Anführer unserer Brigade, hatte uns zu einem Überfall auf den Feind abkommandiert. Diesmal sollten wir die Häuser, die den Nazis und ihren Kollaborateuren als Hauptquartier dienten, dem Erdboden gleichmachen. Nach dem ersten Schußwechsel würde es die übliche kurze Pause geben, bis die Verstärkung der Nazis eintraf. Während dieser Pause hatten wir die Möglichkeit, die Vorräte zu erbeuten, die wir für unser Überleben im Wald benötigten: Gewehre, Munition, Lebensmittel und Medikamente.

Es waren persönliche Gründe, die mich bewegen, an dem Überfall auf die Stadt Lenin teilzunehmen. Hier, in diesem Schtetl, war ich einmal zu Hause. Hier wurde ich geboren, und hier hatte ich mit meiner Familie in dem Haus gewohnt, das von meinem Vater liebevoll erbaut worden war. Hier war ich mit meinen sechs Geschwistern aufgewachsen, hier hatte ich meine Jugend verbracht. Und es war die Stadt, in der fast meine ganze Familie von den Nazis ermordet worden war.

Im Schtetl Lenin in der ostpolnischen Region Polesien, nahe der Grenze zur Sowjetunion, hatte früher eine Gemeinde von sechstausend Juden gelebt. Am 14. August 1942 wurde die gesamte noch lebende jüdische Einwohnerschaft von Lenin - mit Ausnahme von mir und fünf weiteren Familien erschossen und innerhalb weniger Stunden in drei Massengräbern verscharrt. Nur ich und wenige andere entgingen dem Tod. Nach drei Jahren des Krieges stand ich im Alter von neunzehn Jahren ohne Familie, ohne ein Zuhause und ohne Freunde da.

S.157ff.

Jana war meine beste Freundin unter den Partisanen. Sie war Jüdin und stammte aus Verhältnissen, die meinen ähnlich waren. Wir sahen uns nur selten, weil sie, obwohl in der gleichen Brigade, einer anderen Einheit angehörte und oft zu Kampfeinsätzen abkommandiert war. Aber das Wissen, daß sie da war, gab mir Trost.

Jana wurde in Drogiczin, einer Stadt bei Pinsk, geboren und war die einzige Überlebende ihrer Familie. Dort hatten die Nazis die jüdische Bevölkerung nach der gleichen grausamen Methode umgebracht wie in unserer Stadt. Sie mußten sich zur Erschießung vor langen Gräben aufstellen; dann warf man Erde auf die Leichen. In Janas Stadt jedoch gab es Partisanenalarm, bevor die Nazis die Gräben zuschaufeln konnten. Sie flüchteten und ließen die Gräben offen und unbewacht. Manche Opfer waren zwar verwundet, lebten aber noch. Viele der Verwundeten hätten vielleicht überlebt, aber ihnen fehlte die Kraft, sich unter den Toten herauszuwinden, die über ihnen lagen.

Jana hatte einen Schuß durch den Hals. Nach einiger Zeit erlangte sie wieder das Bewußtsein, obwohl sie als Folge des Schocks nicht sofort merkte, daß sie, anders als die Leichen um sie herum, noch am Leben war. Es gelang ihr, aus dem Graben herauszuklettern. Nackt, weil die Nazis ihre Opfer gezwungen hatten, sich vor dem Erschießen zu entkleiden, schleppte sie sich zu den Häusern der Kleinbauern in der Nähe. Sie klopfte an die Tür. Keiner ließ sie ein. Vor ihr schlug man die Tür zu und sperrte sie hinaus. Sie war so verzweifelt, daß sie zu den Gräben zurückging. Was sollte sie sonst noch tun? In ihrer Hoffnungslosigkeit legte sie sich auf die Leichen und wartete auf den Tod. Die Zeit verging. Schließlich wurde ihr bewußt, daß sie trotz des hohen Blutverlusts nicht im Sterben lag. Jana hatte Angst, daß die Nazis bei Tageslicht zurückkehren würden. Alle Körper, die da im Graben lagen, ob lebendig oder tot, würden dann mit Erde zugeschüttet werden. Um sich herum hörte sie noch ab und zu schwache Hilferufe. Vergeblich versuchte sie, die Verwundeten unter den Leichen hervorzuziehen, der Blutverlust hatte sie zu sehr geschwächt.

Erneut quälte sie sich aus dem Graben heraus. Sie schaffte es, sich in ein paar Lumpen zu wickeln, die am Zaun eines Bauernhauses hingen. Dann torkelte sie auf den Wald zu. Sie war dem Tod nahe, als ein paar Tage später eine Gruppe Partisanen unseres Bataillons auf sie stieß.

Da ich die Verwundeten versorgte, wurde sie zu mir gebracht. Ich pflegte sie gesund, und schließlich war sie so weit genesen, daß sie sich den Kämpfern anschließen konnte.

S.190ff.

Der Winter 1943 war außergewöhnlich kalt. Eisige Temperaturen, wie wir sie noch nie erlebt hatten, und ein schneidender Ostwind ließen schwere Schneefälle aus den tief hängenden Wolken ahnen. Für die Partisanen war es eine äußerst schwierige Zeit. Die Nazis griffen uns täglich an, und wir waren gezwungen, ständig unseren Standort zu wechseln.

Jedesmal wenn unser Stützpunkt angegriffen wurde oder wenn es Gerüchte gab, daß uns eine Umzingelung durch den Feind bevorstehe, bildeten wir kleine Gruppen und zerstreuten uns in verschiedene Richtungen. Jede Gruppe sammelte sich dann in einem vorläufigen Stützpunkt, bis sich die Lage wieder beruhigte. Dann gingen wir gewöhnlich wieder zu unserem ursprünglichen Hauptquartier zurück, wo wir uns, wie ausgemacht, mit dem Rest unserer Brigade vereinigten.

So verlief unser Leben in diesem langen Winter. Unsere tägliche Routine in jener Zeit ist mir lebhaft in Erinnerung geblieben. Solange wir von einem Ort zum anderen zogen, hatten wir keine Zeit, Unterstände im Schnee oder im Boden zu graben. Sonst hatten uns diese Unterstände besonders im Winter etwas Wärme und Trost gespendet, während wir schliefen. Jetzt schliefen wir draußen im Schnee. Manchmal waren wir am Morgen beim Aufwachen am Boden festgefroren. Kaum hatten wir mit dem Bau eines dürftigen Schutzes aus Ästen begonnen, kam gewöhnlich schon der Befehl, weiterzuziehen. Doch im Winter bestand der Vorteil darin, daß der Boden gefroren war und wir die Wege abkürzen konnten. Umwege um Flüsse, Sümpfe oder Moore herum waren nicht nötig. Ein Pferdeschlitten war bedeutend leiser als ein Pferdewagen, dessen Geklapper man auf den unebenen sommerlichen Straßen meilenweit hören konnte. Im Winter bedeckten Schneestürme unsere Fußspuren, im Frühjahr wurden sie vom Regen weggewaschen. Aber wenn der Regen aufhörte, waren die ungepflasterten Straßen so schlammig, daß das Gehen schwerfiel. Der Schlamm klebte an unseren Stiefeln, die mit jedem Schritt immer tiefer in die Erde sanken; nur mühsam setzten wir einen Fuß vor den anderen. Bei schönem Wetter, wenn der Boden fest war, mußten wir oft rückwärts gehen, damit uns der Feind, wenn er unsere Spuren sah, in der falschen Richtung vermutete.

S.208

In der ersten Nacht legten wir ungefähr vierzig Kilometer zurück. Nach jener Nacht zogen wir tagein, tagaus ständig von einem Ort zum nächsten.

Schon bei Tag war es kalt, in den Nächten aber sank die Temperatur bis zwanzig, dreißig Grad unter Null ab. Von Zeit zu Zeit hörten wir in der Ferne die Wölfe heulen.

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