Gesammelte Texte

Staub der Tage

Aus: Büscher, Wolfgang: Berlin-Moskau, eine Reise zu Fuss;

(Wolfgang Büscher ging 2001 zu Fuss von Berlin nach Moskau, wobei er natürlich auch Belarus durchwanderte. Seine Eindrücke hielt er in einem Buch fest. Der folgende Ausschnitt ist einem Wegstück in Belarus gewidmet).

S.97-103

Ich verließ Nowogrudok bei Sonnenaufgang und ging hinab in die Hitze der Ebene, die von Tag zu Tag zunahm. Jemand hatte gesagt, dies sei der heißeste Sommer seit hundert Jahren, aber noch stand die Sonne tief, und die Allee nach Karelitschi nahm mich in ihre langen Schatten. Viele waren um diese frühe Zeit unterwegs, Männer und Frauen kamen mir entgegen wie an einem Feiertag, zu Fuß kamen sie oder auf ihren kleinen, flachen Pferdewagen mit den Gummireifen, auf denen alles Erdenkliche transportiert wird. Heu. Milch. Menschen. Ich fiel nicht auf, nur meine Richtung, fort aus der Stadt auf dem Berge, hinunter, dawai, nach Minsk. Ich ging leicht.

Als die Allee auslief und die Hitze kam, setzte ich meinen Panama auf. Der Hut war mein einziger Luxus. Alles sonst an mir musste unauffällig sein. Ohne den Hut ging ein No-NameMann vorüber in seiner mittlerweile ziemlich verwaschenen Militärhose, mit einem dreckigen Rucksack und geschorenem Haar. Vermutlich schleppte er aus seiner Datscha Kartoffeln heim oder ein geschlachtetes Karnickel oder Rauchfisch und Wodka. Ein Russe wie die vielen, die mir entgegenkamen. So wollte ich es.

Nicht beachtet werden, nicht einmal gesehen. Tief im Osten verschwinden, noch tiefer. Da sein und nicht da.

Auf die Idee, dass dieser sonnenverbrannte, verstaubte Wanderer über die Dörfer weit von Westen käme, gar von Berlin nach Moskau ginge, kam keiner, dem ich es nicht sagte. Aber ich musste nur den Panama aufsetzen und hatte alle Blicke. Außerdem war er praktisch, er schützte mich vor der Sonne und sogar vor Regen, solange es nicht gerade stundenlang schüttete.

Auf den endlosen Chausseen, die ich lief, habe ich ihn viele Tage getragen. Unter Menschen hielt ich ihn meist in der Hand, wie jetzt, da ich ins Zentrum von Karelitschi kam, hungrig, durstig. Meine drei Wünsche waren Wasser und Schatten und Schokolade.

Das Ristoran, es hieß hier Kolos und sah auch so aus, hatte geschlossen, aus dem Univermag-Laden trieb mich der durchdringende Geruch von getrocknetem Fisch, den es in großen Mengen gab, gleich wieder fort; Sekunden länger, und ich hätte mich erbrochen. Zum Kiosk also. Wieder eine Rast an der Straße, wieder ein Frühstück, das bloß aus einem dünnen Täfelchen russischer Schokolade und einer Flasche übersalzenem russischem Mineralwasser bestand. Es machte mir nichts aus, die russische Schokolade schmeckt gut, etwas bitter, und sie sieht gut aus, schön schwarz, es sprach nur alles dafür, dass dies zugleich mein Mittagessen sein würde und mein Abendbrot und, wer weiß, auch das nächste Frühstück; so war es jetzt an vielen Tagen, und das waren die besseren, wenn ich Pech hatte, gab es noch länger nichts.

In der Mittagsglut weiterzugehen war ausgeschlossen. Wer in Karelitschi wohnte, versteckte sich im Haus, wer unterwegs war, suchte sich draußen ein Plätzchen zum Dösen. Ein Bauer schlief unter seinem Gummigefährt und ließ das Pferd grasen. Schutz war rar um diese Stunde, die keine Schatten warf, sogar der Kolos-Koloss spendete nur einen ganz dünnen, in ihn schmiegten sich die Betrunkenen, ihre halb entblößten Beine und Bäuche grillte die Sonne. Karelitschi brütete. Ich saß unter einem der wenigen Bäume an der Straße, auf der jetzt kaum noch ein Fahrzeug fuhr, und mein mattes Hirn blies eine Sprechblase auf, darin stand das Wort «Bus», und ich betrachtete die Busblase und fragte sie, kommt hier heute wohl noch so ein blassblaues Ding vorbei und hält es auch an, oder so ein sowjetrotes, und wenn es kommt, bin ich dann endlich demoralisiert genug einzusteigen, und ich hörte mich murmeln: "Karelitschi, Karelitschi, was soll werden mit uns?"

Irgendwann war ein Zittern durch Karelitschi gegangen, ein Beben. Und die Erinnerung, dass es noch etwas anderes gab, als sich der immergleichen Glut der Sommer zu ergeben und dem eisglasierten Schnee der Winter, und das Dorf an der Straße hatte sich den Staub aus den Augen gerieben und den Wodkaschleim durch eine Zahnlücke ausgespuckt, und die lastende, brütende belorussische Weite hatte den Kolos aus sich herausgetrieben. Und das Univermag. Und den Gastronom, den anderen Laden. Und die Gostiniza, das Hotel. Seitdem hatte Karelitschi ein Zentrum.

Als ich den Schriftzug Gostiniza entdeckte, schöpfte ich neuen Mut und ging hin. Die Tür zum Hotel stand offen, im Gegenlicht des einzigen kurzen Flurs schleppte sich ein halb bekleideter Mann, dem der Gürtel herabhing, in sein Zimmer. Ich kehrte zu meinem Baum zurück und hörte dem Gespräch an einem Stand für Kindersachen zu. Es war der wacklige kleine Tisch einer Transithändlerin, eine, wie ich sie im Grenzbus erlebt hatte. Stifte, bunte, billige Plastiktäschchen, ein Springseil mit bunten, billigen Griffen. Zwei Mädchen interessierten sich für Armbänder. Sie fassten und probierten alle an. Am Ende entschieden sie sich für das perlfarbene, ernst wie im Kinderkaufmannsladen, und die bunten, billigen Geldscheine, mit denen sie zahlten und die die Verkäuferin in ihr dickes, nach Farben gefächertes Bündel sortierte, waren das Spielgeld. Münzen gab es in Belarus nicht.

So lange ich auch saß, es kam kein Bus. Ich schrieb es meinem Zustand zu, dass ich mich erst nach zwei Stunden erkundigte, ob überhaupt einer käme. Man zeigte zum Ortsende, da sei der Busbahnhof, hier könne ich lange warten. Ein Witz. Der Bahnhof lag ein paar Schritte hinter dem Hotel, ich hatte ihn nicht bemerkt, das Abfahren und Ankommen der Busse einfach nicht gehört. Die Wartehalle war, wie in fast jedem russischen Busbahnhof, von Fliegenschwärmen erfüllt. Ein außerhalb der Stoßzeiten leerer Saal, getüncht, Steinfußboden, Bänke an den Wänden, an einer der Stirnseiten ein Fensterchen oder zwei, extra hoch gebaut oder extra niedrig, so dass der Fahrgast, wenn er um eine Auskunft oder einen Fahrschein bittet, gezwungen ist, sich entweder vor der Person zu verneigen, die gerade in ihrem Fensterchen erscheint, oder zu ihr aufzuschauen.

So war es auch hier, die Fenster so hoch, dass alle ihre Wünsche auf Zehenspitzen vortrugen, und die beiden Fahrscheinverkäuferinnen spielten das übliche Wetterhäuschenspiel. Mal erschien die linke in ihrem Fensterchen, mal die rechte in ihrem, dann wurde der eine ausgebleichte Vorhang zur Seite gerissen und der andere demjenigen in der Schlange, der als Nächster dran war, vor der Nase zugezogen. Nun war ich als Nächster dran. Person eins war böse mit mir und verwies mich an Person zwei. Person zwei war auch böse und befahl mir, mich hinzusetzen und zu warten. Ich wusste inzwischen, dass die Bösartigkeit der Wetterfrauen nicht persönlich gemeint war und versuchte, mir nichts daraus zu machen. Oft genug hatte ich beobachtet, dass sie ihr Drachentum aufsetzten wie einen Helm, Arbeitskleidung eben, und es genauso schnell wieder ablegten, sobald sie privat wurden. Die Resolutheit der russischen Frauen, dachte ich, hat sicher auch mit der Haltlosigkeit ihrer Männer zu tun. Sie geht bis zur Grobheit, aber wie bei den Mädchen auf dem nächtlichen Flirtplatz von Nowogrudok kann sie von einem Moment auf den anderen in große Nachgiebigkeit, Zartheit und Fürsorge umschlagen.

Ich verstand den Drachen von Loch zwei so, dass der Bus ausgebucht war und wir schauen müssten, was zu machen sei. Stand-by, wie der Westler sagt. Das Gedränge nahm zu, ja, der Bus fahre bald, sagte der Mann auf der Betonbank neben mir, er war genauso von Fliegen übersät wie ich. "Nur die Ruhe, nur die Ruhe, es gibt noch Plätze, bleiben Sie sitzen, warten Sie ab." Ich misstraute der Propaganda. Dieses hypnotische "Ruhe, nur die Ruhe" hatte ich im Ohr, seit ich dies Land betreten hatte, aber mein Durst und mein Hunger waren stärker, und fast jeder Busbahnhof hat eine Bar. Dort saßen drei alte Männer mit übergroßen leinfarbenen Schildmützen auf dem Kopf und sprachen vom Krieg. Ab und zu stand einer auf und verschwand grußlos, und ein anderer setzte sich dazu, aber das Gespräch ging immer weiter, sein Refrain war: "Ojojojoj."

Ich bestellte Tee und "Buterbrody". Das Buffetmädchen schüttelte den Kopf, es war die falsche Bestellung. "Nehmen Sie Wasser und ein süßes Mohnbrötchen." Die Tür zum Wartesaal ging auf und zu, auf und zu und machte jedes Mal das gleiche nervtötende Geräusch wie das Windrad vor dem Wartesaal in "Spiel mir das Lied vom Tod". Physikalisch betrachtet, konnte sie gar nicht schließen, die Stahlfeder, deren Aufgabe es war, sie immer wieder zurück ins Schloss zu ziehen, hing lose herab, aber aus alter Gewohnheit fiel sie trotzdem, wenn nicht ins Schloss, so doch in den Rahmen.

Jetzt stand eine alte Frau auf, gestützt auf einen Stock aus Aluminium, durchquerte den Saal, schlug zu jedem ihrer Schritte ein helles Geräusch aus dem Steinboden, stieß die Tür auf und ging ins Licht. Es verzehrte sie sofort und schmolz alles Alte und Schwere. Es verjüngte ihre Gestalt, und ihren Alustab verwandelte es in ein Stöckchen aus flüssigem Silber, und ich verstand, was Giacometti gemacht hatte in seiner hephaistischen Zwanzigquadratmeterhöhle in Paris. Er hatte Körper in Licht geschmolzen. Die Tür kreischte in ihren trockenen Angeln, das Bild zerfiel zu Staub, ich kippte mir das Wasser über den Kopf und biss in den Mohn.

Anderthalb Tagesmärsche vor Minsk stieß ich auf die Autobahn und fand sie zum Gehen hervorragend geeignet. Sie hatte breite Seitenstreifen, mit Kies bestreut oder sogar geteert, und es kam noch besser. Dörfler saßen da und boten Pfifferlinge an, Steinpilze, Maronen, murmelgroße rote Beeren, die ich nicht kannte, kleine gelbe Äpfel, Fische, geräuchert oder getrocknet, alles, was sich aus Wäldern und Datschen hertragen, eimerweise an die Straße stellen oder auf alten Zeitungen ausbreiten ließ. Alle paar Kilometer saß ein Junge oder eine alte Frau auf dem Seitenstreifen, oft mit dem Rücken zur Autobahn, und wartete darauf, dass ein Lastwagen hielt oder der Fahrer einer Limousine aus Moskau seine rasende Heimkehr unterbrach und sich eindeckte.

Erfreut bemerkte ich Pferdeäpfel auf der Überholspur und den lehmigen Reifenabdruck eines Traktors, er war einfach quer über die Autobahn gefahren. Nein, ich würde hier keinen Ärger bekommen, ich würde gar nicht auffallen. Leute, die mit einem Rucksack voll Ware die Autobahn entlanggingen, waren ein ganz normaler Anblick.

Ich hatte Hunger und kaufte Fisch und Äpfel bei einem älteren Mann mit einem freundlichen, runden Gesicht, und weil ich müde war, setzte ich mich neben ihn. Nachdem ich gegessen und wir eine Weile die Autos betrachtet hatten, die vorüberfuhren, sprach er mich in gebrochenem Deutsch an. "Kennen Sie Neustrelitz?"

Er sei Oberst der Roten Armee gewesen, sagte er, und habe in der DDR gedient. "Ich liebe die Deutschen. Mein Vater ist im Krieg gegen euch gefallen, aber ich liebe die Deutschen." Es war frei von jedem falschen Ton, er wollte nichts von mir. Er war einfach froh, wieder einmal einen Deutschen zu sehen und sich zu erinnern. Ich war so gerührt, dass ich nichts sagen konnte. Wir nickten uns zu, und ich ging.

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