Wissenswertes zu Belarus

Geschichte

Fürstentümer auf dem Gebiet Belarus:

Archäologische Funde zeigen, dass das Gebiet des heutigen Belarus seit der Steinzeit stets besiedelt war. Mit dem Entstehen einer Feudalgesellschaft (d.h. durch Bevölkerungswachstum, Anhäufung von Reichtum, der nun auch geschützt werden wollte) formierten sich auf dem heutigen Territorium von Belarus Fürstentümer.

Diese Fürstentümer gerieten ab dem 8. Jahrhundert in den Machteinfluss des Kiewer Fürstentums (Kiewer Rus'). Dessen Fürst, Fürst Wladimir liess sich 988 im orthodoxen Glauben taufen, durch dessen Einfluss dann auch das Gebiet von Belarus christianisiert wurde.

Zwei Fürstentümer waren in dieser Zeit im Gebiet Belarus einflussreich: dasjenige von Polack im Norden und dasjenige von Turau (zu welchem Pinsk gehörte) im Süden.

Zusammenschluss gegen die Gefahren:

1208 fielen deutsche Ordensritter in dieses Land der Fürstentümer ein und führten Zwangschristianisierungen durch. Denn obwohl der erste orthodoxe Bischofssitz 992 in Polack entstand, ging die Christianisierung der Bevölkerung sehr langsam voran. Bis ins 19. Jahrhundert hielten sich deshalb noch viele heidnische Glaubensvorstellungen.

Die deutschen Ordensritter konnten sich jedoch nicht lange halten, sie wurden noch im gleichen Jahrhundert, Mitte des 13. Jahrhunderts, zurückgeschlagen.

Fast gleichzeitig drohte eine ähnliche Gefahr auch von Osten: Die Tataren und Mongolen drangen 1237-1241 in die russischen Fürstentümer ein. Die Fürstentümer, die sich auf heute belarussischem Boden befanden, schlossen sich dem Grossfürstentum Litauen an, um gemeinsam stärker gegen die Feinde auftreten zu können. In diesem Grossfürstentum Litauen-Belarus war Belarussisch bis Ende des 17. Jahrhunderts Staatssprache.

Das ist der Grund, warum sich heute die Opposition vor allem mit Symbolen, aber auch ideell, noch stark auf diese Zeit zurückbesinnt.

Als sich im 14. Jahrhundert dann auch noch das Fürstentum Moskau und das Königreich Polen weiter ausbreiteten, musste sich das Grossfürstentum Litauen für einen Zusammenschluss mit Moskau oder Polen entscheiden. Es entschied sich für Polen, sicher auch aus wirtschaftlichen Überlegungen, da es dann besser an den europäischen, im Entstehen begriffenen Markt angeschlossen war.

Allerdings blieben Polen und Litauen (wozu auch das heutige Belarus gehörte) bis 1569 sehr autonom. Die Staaten durften sogar selber Aussenpolitik betreiben, nur in Fragen, welche beide Länder betrafen, wie z.B. in der Verteidigung, hatten sie gemeinsam zu befinden.

Die Unierte Kirche, eine Kompromissreligion, wird geschaffen:

1569 schlossen sich das Grossfürstentum Litauen und das Königreich aus machtpolitischen Überlegungen und gefestigt durch eine für beide Seiten vorteilhafte Heiratspolitik zusammen.

Unter diesem Staat, genannt Rzeczpospolita, wurde der Versuch unternommen, die katholische und die orthodoxe Kirche zu vereinen. Es entstand die Unierte Kirche: Der römische Papst wird als Oberhoheit anerkannt, doch wird der orthodoxe Ritus gepflegt. Sprache in der Unierten Kirche war und blieb Belarussisch.

1839 wurde die Unierte Kirche vom Zaren Nikolai I verboten und die rund 3/4 der Bevölkerung, die der unierten Kirche angehörten, mussten die Orthodoxie annehmen.

 

Polonisierung als Folge des Zusammenschlusses:

Von Polen ausgehend verbreitete sich in Folge der Katholizismus in der Rzeczpospolita sehr stark, vor allem unter den Adeligen. Mit der Übernahme des Katholizismus erhielten sie nicht unwichtige Privilegien. Die meisten Bauern jedoch (ca. 75%, die entweder dem Staat oder einem Grundbesitzer gehörten), blieben bei der Unierten Kirche.

Wirtschaftsaufschwung im 16. Jahrhundert:

Vom 16. bis Anfang des 17. Jahrhunderts gab es in den belarussischen Gebieten einen starken wirtschaftlichen Aufschwung, womit auch ein Städtewachstum und damit ein Florieren der belarussischen Sprache und Kultur einher ging.

In dieser Zeit, auch die Zeit der Reformation und Gegenreformation, wurde erstmals von Francisak Skaryna (1485-1551) die Bibel ins Belarussische übersetzt. Damit ist natürlich auch ein Nationalbewusstsein verbunden, das sich auf eine eigenständige Sprache berief.

Eine der wichtigsten Strassen in Minsk, die Leninstrasse, wurde nach der Unabhängigkeit von 1991 in Francisak Skaryna-Strasse umbenannt. Doch 2003 wurde diese Strasse wieder zur Lenin-Strasse.

Diese Strassen-Umbenennung gibt einen Hinweis darauf, wie die offiziell staatliche Seite die belarussische Sprache betrachtet.

Mitte des 17. Jahrhunderts bekriegen sich Russland und Polen, um ihren jeweiligen Einflussbereich zu vergrössern:

Die Kriege zwischen Moskau und der Rzeczpospolita Mitte des 17. Jahrhunderts, die vor allem auf belarussischem Boden ausgetragen wurden, versetzten dem Wirtschaftswachstum einen jähen Schlag: Nur 47% der belarussischen Bevölkerung blieb am Leben, der Ackerboden wurde für Jahrzehnte zum Ödland, viele verliessen nach dem Kriegsende die Heimat.

In Folge der Kriege wurde die Polonisierung verstärkt, um damit auch Machtanspruch zu sichern. 1696 wurde Polnisch zur Staatssprache ernannt.

Dies rief jedoch Russland wieder auf den Plan, und mit Unterstützung Preussens wurde die Rzeczpospolita Ende des 18. Jahrhunderts in drei Etappen vollständig aufgelöst. Die belarussischen Ländereien mit ca. 3 Mio. Einwohnern wurden dem Zarenreich angegliedert.

 

Russifizierung der neu zum Zarenreich hinzugekommenen Gebiete:

In den belarussischen Gebieten verbreiteten sich allgemeine Prinzipien der russischen Verwaltung. Die zaristischen Behörden ergriffen Maßnahmen, um polnische und polnisch gewordene belarussische Adelige für die russischen Machtorgane zu gewinnen. Um ihre Grundstücke und Landgüter behalten zu dürfen, mussten die Adeligen Katharina II. Treue schwören, andernfalls wäre das ganze Vermögen der Landbesitzer an den Staat übergegangen.

Gegenüber der katholischen Kirche verhielt sich Katharina die Große nachsichtig. Die Katholiken behielten das Recht, ihre Bräuche ungehindert zu zelebrieren. Dem Jesuitenorden gewährte die Zarin finanzielle Unterstützung. Auf diese Art gewann sie die Sympathie der polnischen Elite.

Im Gegensatz dazu wurde mit den Unierten, zu denen 3/4 der belarussischen Bevölkerung gehörten, äusserst repressiv verfahren. Zwangsweise wurden diese Menschen orthodox getauft. Eine Minderheit konvertierte auch zum Katholizismus.

Das Leben der belarussischen Stadtbewohner und Bauern veränderte sich im Zarenreich nicht wesentlich. Sie entrichteten dieselben Steuern und hatten die gleichen Verpflichtungen zu erfüllen wie früher.

Für die jüdische Bevölkerung aber begann eine Zeit der Unterdrückung. Viele Lebensbereiche wurden durch Verordnungen beschränkt. Es wurde gesetzlich festgelegt, dass Juden nur östlich einer bestimmten Linie leben durften. Diese Linie entspricht in etwa der heutigen Grenze zwischen Polen und Belarus. Östlich dieser Linie war es den Juden verboten, auf dem Land zu leben, dies war nur den belarussischen Bauern erlaubt. Das führte zu einer Abwanderung der Juden in die Städte, in denen sie rasch infolge weiterer beruflicher Einschränkungen im Bereich des Handwerks die führende Rolle im Wirtschafts- und Finanzleben übernahmen.

Belarus des 19. Jahrhunderts im Zarenreich und der anti-russische Aufstand von Kastus Kalouniski wird niedergeschlagen:

Anfang des 19. Jahrhunderts waren 72% der belarussischen Bevölkerung Leibeigene.

1861 wurde durch eine Verordnung des Zaren (Aleksandr II) die Leibeigenschaft formell aufgehoben. Die ehemaligen Leibeigenen konnten ihr Land von ihrem Grundbesitzer abkaufen. Sie mussten 1/5 des Preises bezahlen, den Rest zahlte der Staat für sie. Doch die Bauern waren dann während 49 Jahren verpflichtet, das Ablösegeld dem Staat zurückzubezahlen. Dies rief grosse Unruhen unter den Bauern hervor. Sie weigerten sich, ihre Zahlungspflichten zu erfüllen, sie steckten die Güter in Brand und rodeten die Wälder der Gutsbesitzer.

Die polnischen Adeligen nutzten die Unruhen, um einen Aufstand gegen die zaristische Macht durchzuführen. Anführer des Aufstandes war der Belarusse Kastus Kalouniski (1838-1864). Er war auch der erste Herausgeber einer belarussischen Zeitung, die er im Untergrund druckte und verbreitete.

Die zaristische Regierung schlug Kalouniskis Aufstand von 1863 brutal nieder. Ländereien der Aufständischen wurden beschlagnahmt. Neben Kalouniski wurden noch 128 andere Anführer getötet und über 12.000 nach Sibirien deportiert.

In der Folge setzte erneut eine Welle der Russifizierung in Belarus ein.

Zudem holte die zaristische Regierung die Bauern auf ihre Seite, indem sie ihnen Zugeständnisse bei den Abzahlungen ihres Grundstückes machte.

Ein Nationalbewusstsein kommt um 1900 auf:

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Belarus, das damals als nordwestliche

Region (des Zarenreichs) bezeichnet wurde, eine Agrarkolonie des Russischen Zarenreiches.

Ein Hindernis auf dem Weg der Herausbildung der belarussischen Nation sowie einer eigenen Staatlichkeit war das Fehlen eines Bürgertums.

Insgesamt bestand die damalige belarussische Bevölkerung zu etwa 75% aus Bauern. Diese besassen jedoch nur rund 40% der landwirtschaftlichen Nutzfläche; der grösste Teil gehörte dem Staat und der Kirche. Unter diesen Umständen konnten sich das Land und damit auch das Bürgertum nicht entwickeln. Und in vielen Städten, wo sich ein Bürgertum hätte entwickeln können, wohnten aufgrund verschiedener Verordnungen zu einem grossen Teil Juden.

Erst um die Zeit der russischen Arbeiterrevolution von 1905 wurde in den belarussischen Gebieten ein eigenes Nationalbewusstsein wach. Die Pressefreiheit lockerte sich und es war nun auch erlaubt, Zeitungen in den Nationalsprachen herauszugeben. Intellektuelle begannen in Belarussisch zu schreiben, man besann sich auf eigenständige Werte und Symbole, und Forderungen nach einem eigenen Staat wurden lauter.

Im 1. Weltkrieg besetzen die Deutschen das Gebiet von Belarus:

Die belarussisch-nationale Blütezeit war nicht von langer Dauer. Die Lage in den belarussischen Gebieten änderte sich schlagartig mit dem Eintritt Russlands in den 1. Weltkrieg.

Über die belarussischen Gebiete rückten die Deutschen weiter via Osten vor.

Der westliche Teil des heutigen Belarus war schnell von den deutschen Truppen besetzt, der östliche Teil blieb unter russischer Vorherrschaft.

Bürgerkrieg und sozialistischer Aufbau:

Nach der kommunistischen Oktoberrevolution von 1917 spaltete sich auch in Belarus die Bevölkerung in zwei Lager: in die Bolschewiken und die Konterrevolutionäre, die aus dem Bürgertum und dem Adel stammten. Der Bürgerkrieg und die Kriege zwischen der jungen Sowjetunion und Polen, die beide um belarussische Gebiete stritten, dauerte bis 1921.

Im Friedensvertrag von Riga von 1921 wurde der westliche Teil (40% des Territoriums mit 38% der Bevölkerung) Polen und der Rest als belarussische Sowjetrepublik der Sowjetunion zugesprochen.

Im sowjetischen Teil von Belarus:

Die bolschewistische Regierung unter Lenin ergriff schnell Massnahmen, um sowohl

im Kernland als auch in den zurückgewonnenen Randgebieten den Sozialismus aufzubauen: Grossgrundbesitzer wurden enteignet, Bauern mit Sonderrechten ausgestattet und staatliche landwirtschaftliche Grossbetriebe - Kolchosen - gegründet.

Um die Bevölkerung für den Sozialismus zu gewinnen, wurde noch bis Ende der 20er-Jahre eine Nationalisierungspolitik betrieben: Nationale Eigenheiten wie Sprache und Kultur wurden explizit gefördert.

Zwischen 1922-1926 wurde in den meisten Grundschulen die Unterrichtssprache auf Belarussisch umgestellt und sie wurde auch an einigen Hochschulen zur Vorlesungssprache gemacht.

Dies drehte sich ab den 30er-Jahren bis zum Tod Stalins ins genaue Gegenteil um: Viele Angehörige der nationalbewussten Intelligenzia wurden nun verfolgt. Zahlreiche Schriftsteller und viele Mitglieder der Belarussischen Akademie der Wissenschaften verschwanden im GULAG.

Der polnische Teil von Belarus und die Vereinigung der beiden belarussischen Teile:

Der westliche Teil von Belarus blieb bis 1939 Teil von Polen.

Anfänglich wurde auch hier eine sehr tolerante Haltung gegenüber der belarussischen Sprache und Kultur gepflegt. Doch dann schritt auch Polen zu einer verstärkten Polonisierung und Katholifizierung.

Nach dem Einmarsch Hitlers in Polen (1939) wurde der nach dem 1. Weltkrieg wieder neu gegründete Staat Polen zwischen Deutschland und der Sowjetunion aufgeteilt. Die belarussischen Gebiete, die zu Polen gehörten, kamen nun zur Sowjetunion und wurden mit den übrigen sowjetbelarussischen Gebieten vereint. Es entstand die Sozialistische Sowjetrepublik Belarus mit den bis heute bestehenden Landesgrenzen. Somit gehörte Belarus als eine der 15 Republiken zur Sowjetunion.

Partisanen formieren sich als Widerstand gegen die deutschen Besatzer im 2. Weltkrieg:

1941 griffen die Deutschen die Sowjetunion an und besetzten drei Jahre lang die belarussischen Gebiete.

Auf diesem besetzten Territorium wurde die sowjetische Ordnung abgeschafft und die nicht-jüdische Bevölkerung durch Zwangsarbeit ausgebeutet und die meisten Juden durch Erschiessen oder in Konzentrationslagern umgebracht.

Das Konzentrationslager Trascjanec bei Minsk steht bei der Anzahl der Todesopfer an vierter Stelle hinter Auschwitz, Majdanek und Treblinka.

Das führte dazu, dass ein Teil der Bevölkerung mit dem Partisanenkampf anfing. Die Partisanengruppen wurden recht stark und fügten der Eroberungsarmee beträchtlichen Schaden zu.

Im Juli 1944 wurde das belarussische Territorium von der sowjetischen Armee befreit und Belarus wieder eine Sowjetrepublik.

Unermesslich hohe Kriegsschäden in Belarus und der Wiederaufbau durch forcierte Industrialisierung:

Der Krieg hatte dem Land große menschliche und materielle Verluste zugefügt.

2,2 Mio. Menschen, 1/4 der belarussischen Bevölkerung, ist ums Leben gekommen und über 1 Mio. Gebäude waren nach dem Krieg völlig zerstört.

Nun setzte die Sowjetunion stark auf die Erneuerung der Volkswirtschaft und vor allem auf den Wiederaufbau der Industrie.

In den Nachkriegsjahren verstärken sich vor allem im westlichen Teil die Repressionen:

Vor allem im Westen der BSSR (einer Problemzone, wo sich die sowjetische Macht noch nicht endgültig etabliert hatte) waren die Repressalien, die nach dem Krieg und bis zum Tod Stalins allgemein wieder zunahmen, besonders hart. Vor allem zeigte sich dies im kulturellen, politischen und religiösen Bereich.

­

Lockerung und Stagnation nach Stalins Tod:

Nach Stalins Tod 1953 kam es unter Khrushchev zu einer relativen Lockerung.

Diese Zeit ging als "Tauwetterperiode" in die Geschichte ein.

1964 wurde die Tauwetterperiode durch eine Zeit der Stagnation unter Leonid

Breshnev abgelöst. Die Breshnev-Zeit hat sich in der Erinnerung der Menschen als Zeit der Stabilität und des bescheidenen Wohlstandes eingeprägt.

Mit dem forcierten Wiederaufbau nach dem Krieg und der Modernisierung ging auch eine Russifizierung einher, da gezielt Arbeitskräfte aus dem russischen Kernland in die Unionsrepubliken geschickt wurden.

Auch war es Breshnev, der verlautete, dass sich eine neue Art von Menschen in der UdSSR herausgebildet habe - das sowjetische Volk. Die Nationen galten nun als überholt und die Ausrottung aller nationalen Elemente wurde zum Ziel der Politik.

Dies verankerte sich auch im Bewusstsein der Menschen: Russisch wurde als modern, Belarussisch als rückwärtsgewandt und veraltet betrachtet. Wer eine prestigeträchtige und lukrative Arbeit wollte, hatte Russisch zu sprechen.

Belarus war die am stärksten sowjetisierte/russifizierte Republik aller Sowjetrepubliken. Dies lag auch in der Partisanenbewegung begründet, da diese in der Bevölkerung als Kampf gegen die deutsche Besetzung grosse Unterstützung fand und natürlich auch von den sowjetischen Truppen unterstützt wurde.

Das Ansehen der Partisanenbewegung unter der Bevölkerung wurde mit zu einem Grund für die Stabilität und Prosperität der Republik nach dem Krieg. In den 50er-Jahren wurden viele ehemalige Partisanen in Regierungsfunktionen berufen und genossen weiterhin starkes Vertrauen seitens der Bevölkerung.

Die Gorbatschow'sche Öffnung führt zum Wiedererwachen des Nationsbewusstseins:

Mit dem letzten Präsidenten der Sowjetunion, Michael Gorbatschow (1985-1991), fanden die Repressionen ein Ende. Archive wurden geöffnet und die Geschichtsschreibung kritisch überdacht. Es wurde deutlich, dass nicht nur Kriege unzählige Opfer in Belarus wie auch in anderen Sowjetrepubliken gefordert hatten. Die stalinistischen Verbrechen, denen in Belarus schätzungsweise eine Million Menschen zum Opfer fiel, kamen ans Licht.

Die sich breit machende Kritik konnte nun viel einfacher geäussert werden. Es formierte sich eine anti-sowjetische Opposition, die sich auch auf nationale Gesichtspunkte berief.

Zwei Ereignisse gaben der Opposition noch weiteren Aufschwung und Zuwachs: Erstens war dies der Unfall im Kernkraftwerk von Tschernobyl, in dessen Folge ganze Landstriche verwüstet und Dörfer evakuiert werden mussten und zweitens die Entdeckung eines Massengrabs bei Minsk aus der Stalin-Zeit, in welchem über 250.000 Leichen gefunden wurden.

Trotzdem blieb die Opposition in Belarus schwach. Als im März 1991 in allen Sowjetrepubliken darüber abgestimmt wurde, ob die Sowjetunion aufrechterhalten werden soll oder nicht, stimmten in Belarus 82% für den Erhalt der Sowjetunion.

Doch die Realität kam dem Volkswillen zuvor: Die baltischen Staaten, die Ukraine und in Folge auch Belarus, erklärten noch im selben Jahr ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion.

Schwierige Startbedingungen des neu gegründeten Staates Republik Belarus:

Nach der Auflösung der Sowjetunion 1991 wurde Belarus zu einem eigenständigen Staat. Die Startbedingungen waren jedoch äusserst schwierig. Die Wirtschaft, die stark mit den anderen Sowjetrepubliken verlinkt war, hörte auf zu funktionieren, die Opposition war gespalten, der Staatshaushalt am Boden, Renten und Löhne konnten über längere Zeit nicht ausbezahlt werden.

Unter solchen Bedingungen ist es nicht verwunderlich, dass bei den Präsidentschaftswahlen von 1994 der volksnahe, ehemalige Kolchosenvorsitzende und nun Parlamentsabgeordnete und Leiter des Antikorruptionkomitees Aleksandr Grigor'evich Lukashenko die Wahlen gewann und seither als Präsident amtiert.

Lukashenko versprach die Stabilität und die Lebenssicherheiten, wie sie während der Breschnew'schen Stagnation bestanden, wieder herzustellen und dem Land seine Bedeutung und Stärke wieder zurückzugeben. Vor allem die ältere Generation und die Landbevölkerung sind für solche Versprechen verständlicherweise sehr empfänglich.

Präsident Lukashenko reisst die Macht an sich:

Mit der Wahl Lukashenkos zum Präsidenten begann dieser die Opposition, die freie Presse und die Zivilgesellschaft immer stärker zu behindern und einzuschränken. Zeitschriften wurden verboten, zahlreiche Demonstrationen gewaltsam aufgelöst und Oppositionelle zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. 2004 führte Lukashenko ein Referendum durch, wonach die Verfassung dahin geändert werden sollte, dass der Präsident so lange im Amt bleiben kann, wie er vom Volk bestätigt wird. Dieses Referendum, das durch eine starke Vorwahlpropaganda seitens des Präsidenten sowie einer starken Einschüchterung der Opposition geprägt war, wurde mit grosser Mehrheit angenommen.

Wissenswertes zu Belarus