Wissenswertes zu Belarus

Pinsk und Koshevichi im belarussischen Kontext

Das Dorf Koshevichi liegt 9 Kilometer von der Pinsker Stadtmitte entfernt.

Wie die meisten Dörfer in Weissrussland, gehört auch Koshevichi zu einer Kolchose.

Belarus ist das einzige ex-sowjetische Land, in welchem die Kolchosen, wie sie während des Sozialismus bestanden, noch immer existieren. Während das Kolchosland mit schweren Maschinen bearbeitet wird, pflügen die meisten Leute ihr Stück Land für den Eigenbedarf mit Hilfe eines Pferdes. Die öffentlichen Einrichtungen in Koshevichi, die Post, der Laden und die Medizinstation, werden mit Holz geheizt, wie die meisten Wohnhäuser auch. Es liegt ein wohliger Feuerduft in der Luft.

Koshevichi ist mit der Stadt Pinsk relativ gut verbunden. Täglich fährt drei Mal ein Bus von Pinsk nach Koshevichi und wieder zurück. Es gibt in Koshevichi nicht wenige Leute, die in Pinsk arbeiten. In 5 Kilometern ist man bereits am Stadtrand von Pinsk, wo dann auch Stadtbusse verkehren.

Das im Südwesten des Landes, nicht weit von der Grenze zur Ukraine gelegene Pinsk wurde erstmals 1097 urkundlich erwähnt. Damit gehört Pinsk zu den ältesten Städten in Belarus.

All die wechselvollen Zeiten, die für Belarus charakteristisch sind, hat auch Pinsk mitgemacht: Vom 14. bis Ende des 16. Jahrhunderts im Grossfürstentum Litauen-Belarus, danach bis Ende des 18. Jahrhunderts im Königreich Polen.

Pinsk liegt an den beiden Flüssen Pina und Pripjat. Durch Kanalbauten Ende des 18. Jahrhunderts (noch unter Polen) wurden die beiden Flüsse miteinander verbunden, so dass Pinsk über den Wasserweg (vom Baltischen bis ins Schwarze Meer) direkte Verbindung zu den damaligen Weltstädten Kiev, Königsberg und Danzig hatte.

Doch bereits 1581 hat Pinsk das Magdeburger Stadtrecht erhalten, was für die Wirtschaftsentwicklung sehr förderlich war.

Von 1793 bis zur deutschen Besatzung im 1. Weltkrieg von 1915, die drei Jahre andauerte, war ganz Belarus, zusammen mit dem Osten Polens, während 122 Jahren im Zarenreich.

Im Zarenreich waren Berdyshev (Ukraine) und Pinsk (Belarus) die Städte mit der grössten jüdischen Bevölkerungszahl. In Pinsk waren 3/4 der Bevölkerung Juden.

So war bis vor dem 2. Weltkrieg das öffentliche Leben in Pinsk ganz von Juden geprägt: Am Sabbat waren die Fabriken geschlossen. Wenn am Freitag das Sabbat-Licht angezündet wurde, ertönten die Fabriksirenen.

Viele Handwerksgruppen hatten ihre eigene kleine Synagoge.

Umgangssprache war Jiddisch.

Pinsk wurde denn auch zum Zentrum der zionistischen Bewegung, die jedoch im Zarenreich verboten war. Zionisten, die sich stark engagierten, konnten mit Verbannung nach Sibirien bestraft werden. Das galt auch für die Gegenbewegung der jüdischen Bundisten. Entgegen den Zionisten, hatten die Bundisten eine sozialistische Ausrichtung. Sie waren für eine Revolution und organisierten Streiks und Demonstrationen.

Chaim Weizmann, erster Präsident Israels, wurde 1874 bei Pinsk geboren und durchlief bis zum Abschluss des Gymnasiums alle seine Schulen in Pinsk.

Nach dem russisch-polnischen Krieg, der sich unmittelbar an den 1. Weltkrieg anschloss und in dem es vor allem um Gebietsansprüche zwischen den beiden Ländern ging, wurde der Westen Belarus, zu dem auch Pinsk gehört, von Polen annektiert.

Doch 1939 wurde Polen erneut aufgeteilt: Der Osten wurde Teil der Sowjetunion, während der Westen von den Nazis besetzt war. So kam der Westteil von Belarus, damit auch Pinsk, wieder zur Sowjetunion. Doch zwei Jahre später, 1941, besetzten die Nazis praktisch ganz Belarus. Der Westteil blieb bis 1944 von den Deutschen besetzt. In dieser Zeit fanden auch die Massenmorde an der jüdischen Bevölkerung statt, die in Pinsk vor dem Krieg rund 73% der Gesamtbevölkerung ausmachten.

Doch nur sehr wenige der jüdischen Bevölkerung haben den Genozid überlebt. Als 1944 ganz Belarus von den Sowjets zurückerobert wurde, war Pinsk eine völlig andere Stadt: Das jüdische Leben war ausgelöscht. In die leerstehenden Häuser wurden nun Russen aus dem Kernland angesiedelt, die für den Wiederaufbau der zu einem grossen Teil zerstörten Stadt eingesetzt wurden.

Pinsk hat heute 132.600 Einwohner, hat aber dennoch den Charakter einer provinziellen Kleinstadt.

Der Bahnhof - Pinsk wurde 1882 ans Eisenbahnnetz angeschlossen - verfügt über gerade einmal zwei Geleise. Nach Minsk, der Hauptstadt des Landes, dauert die Zugfahrt sechs Stunden, nach Brest sind es knapp vier Stunden.

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