Zeitungsartikel zu Belarus

Auch die Europaeische Union hat einen Fernen Osten

Neue Zürcher Zeitung vom 14.08.2009

Entlegene Romantik und donnernder Schwerverkehr im polnisch-litauischen Grenzland.

Auf einer einzigen Hauptstrasse und über eine veraltete Bahnlinie wickelt sich der gesamte Güterverkehr zwischen den baltischen Staaten und dem Rest der EU ab. Eine ungenügende Infrastruktur beeinträchtigt Lebensqualität und Entwicklungspotenzial der Region.

Augustow, Mitte Juli

Hinter Bialystok beginnt es spürbar mehr zu rumpeln, und der Zug fährt langsamer. Zwar ist die Strecke auf der Landkarte als Hauptlinie eingetragen, doch Verkehr gibt es hier, in Richtung Weissrussland, nur spärlich. Bei Sokolka biegen wir auf eine Nebenlinie ab, die auch offiziell als solche deklariert ist, und zuckeln noch gemächlicher als zuvor durch die Gegend. Dafür wird die Landschaft immer schöner. Die Bahnlinie führt bald durch Wälder, die nicht bewirtschaftet und kaum berührt aussehen, bald an Mooren vorbei, wo Störche herumstaken, nach Fröschen picken oder aufgeregt davonflattern, wenn sie zu nahe am Bahndamm waren, als sich die Diesellokomotive näherte. Bisweilen weiden auf weitläufigen Wiesen ein paar Kühe – es müssen glückliche sein.

Umfahrung als Zankapfel

Das Land hier, im nordöstlichen Zipfel Polens, war lange Zeit eine Sackgasse. Wer vor 1990 in die Gegend kam, stiess früher oder später auf die Grenze zur Sowjetunion, die auch zu den sogenannten sozialistischen Bruderländern hin kaum durchlässig war. Es ist ein Landstrich, der den Besucher durch seine Ursprünglichkeit in den Bann zieht, etwa mit der Puszcza Augustowska, einem sich über tausend Quadratkilometer erstreckenden Urwald zwischen den Flusstälern der Rospuda und der Biebrza und der weissrussischen Grenze. Wer das Gebiet mit wirtschaftlichen Augen ansieht, dem kommt hingegen sofort das Beiwort «strukturschwach» in den Sinn.

Der Zusammenbruch des Sozialismus und die europäische Integration haben aus der Sackgasse einen Transitkorridor gemacht. Augustow mag einst ein Städtchen am Ende der Welt gewesen sein, und die lange Reise hierher scheint dies immer noch zu implizieren. Doch steht man auf der Brücke, über welche die einzige Hauptverbindungsstrasse nach Norden den Augustow-Kanal überquert, eine der touristischen Attraktionen, entsteht ein anderer Eindruck. Im statistischen Durchschnitt alle 20 Sekunden, oder 4.000 Mal am Tag, donnert ein schwerer Lastwagen durch diesen Flaschenhals am Weg von Zentraleuropa ins Baltikum, nach Weissrussland und in den Nordwesten Russlands. Augustow steht im Ruf, eine der am meisten vom Strassenverkehr geplagten Städte Polens zu sein.

Die Bevölkerung hat vom Schwerverkehr so sehr die Nase voll, dass vor einiger Zeit die wichtigste Strassenkreuzung des Ortes blockiert wurde, um auf die Notwendigkeit einer Umfahrung aufmerksam zu machen. Doch wenn auch die Dringlichkeit des Vorhabens allgemein anerkannt wird, muss man sich in Augustow noch gedulden. Die Planungsarbeit an einer ersten Variante ist nämlich eingestellt worden, weil die Strassenführung die urtümliche Moorlandschaft des Rospuda-Tals gefährdet hätte und damit in Widerspruch zu den Umweltschutzvorschriften der EU geraten wäre. Nach einem langen Tauziehen hat die polnische Regierung unlängst definitiv akzeptiert, dass für die geplante Hochleistungsstrasse «Via Baltica» eine andere Streckenführung gesucht werden muss. Für Augustow heisst das allerdings «zurück auf Feld eins».

Vom Rand in die Mitte – und zurück

Überliesse man die Entscheidung der Stadtverwaltung von Augustow, würde wohl die Option eines Resultats in absehbarer Zeit vor die langfristige Rücksichtnahme auf die Natur gesetzt und so schnell als möglich die Umfahrung durch das Rospuda-Tal gebaut. «Unsere wichtigeren Naturschutzgebiete liegen ohnehin eher im Osten», sagt Marcin Choroszewski, im Stadthaus für Entwicklungsfragen zuständig, auf den Einwand, ob man sich damit nicht ins eigene Fleisch schneiden würde, indem man das touristische Potenzial der Region beeinträchtigte. Ferner gibt er zu bedenken, dass man heute umweltfreundlicher bauen könne als noch vor zwanzig oder dreissig Jahren.

Choroszewskis Standpunkt reflektiert dabei wohl eher das Ausmass der Verzweiflung ob der lärmenden Blechlawine, die sich Tag für Tag durch Augustow wälzt, als mangelnden Respekt für die einzigartige Natur, die der Region ein besonderes Gepräge gibt und ihr mit dem Tourismus eine wichtige Einnahmequelle erschliesst.

Dass es die EU war, die Druck gegen die Rospuda-Variante der Umfahrung gemacht hat, hat der Popularität Brüssels in der Region natürlich nicht genützt. Doch allgemein, so stellt Choroszewski fest, sei die Bevölkerung positiv eingestellt zum polnischen Beitritt zur Union, denn dieser habe unter dem Strich viele und vielen Vorteile gebracht.

Das klingt zwar logisch, namentlich angesichts der erklecklichen Beträge, die über Förderprogramme und Strukturfonds in die Region geflossen sind und beispielsweise Augustow ein hübsches Zentrum und angenehme Uferpromenaden am malerischen Necko-See beschert haben. Doch paradoxerweise hat die Eingliederung Polens in den Schengen-Raum die Region, die zuvor durch den Fall des Eisernen Vorhangs und die Auflösung der Sowjetunion plötzlich von einer Art Niemandsland mitten ins Zentrum Europas gerückt worden war, wieder an den Rand manövriert. Durch Schengen sind die Grenzen des Gebiets im Osten (nach Weissrussland) und Nordwesten (zur russischen Ostsee-Exklave Kaliningrad) wieder weniger durchlässig geworden. Doch interessanterweise sagt Choroszewski, in Bezug auf Europa fühle man sich hier weniger an der Peripherie als in Bezug auf Polen.

Eisenbahn-Idylle

Dem mag deshalb so sein, weil die Übergänge nach Litauen offen sind. Diese hundert Kilometer lange Grenze ist das einzige Stück ehemaliger Aussengrenze der Sowjetunion, wo heute völlige Bewegungsfreiheit herrscht, weil die Länder auf beiden Seiten Teil des Schengen-Raums geworden sind. Es ist allerdings auch die Durchlässigkeit der polnisch-litauischen Grenze, die den gesamten Schwerverkehr in Richtung vom und ins Baltikum über die einzige verfügbare Hauptstrasse – und damit durch Augustow – rollen lässt. Die Frage stellt sich natürlich dabei, warum Güter nur, oder zumindest hauptsächlich, auf der Strasse transportiert werden.

Die Antwort darauf bietet eine der romantischsten Eisenbahnfahrten, die man heute in Europa unternehmen kann. In Suwalki, eine halbe Stunde nördlich von Augustow, bleibt die Hälfte des Schnellzuges aus Warschau stehen. Nur drei Wagen nimmt die Diesellokomotive mit auf den Weg nach Sestokai, der litauischen Grenzstation. Noch beschaulicher als zuvor holpert der Zug durch die liebliche Hügellandschaft. In hohem Gras stehende Holzhäuschen wie aus einem Märchenbuch ziehen vorbei, Namenstafeln identifizieren sie einwandfrei als Bahnhöfe. Ta-damm, ta-damm, so schlagen die Räder auf die Gleisfugen auf; ein Klang, dem man in Westeuropa mit seinen verschweissten Schienensträngen fast nur noch in den Archiven von Tonstudios begegnet.

Ein weisser Pfahl markiert die polnisch-litauische Grenze. Man erkennt eine im Zuwachsen begriffene Schneise. Hier mussten einst die sowjetischen Grenzanlagen gestanden sein, doch die Spuren haben sich verwischt. Die Landschaft ist wieder etwas weiträumiger geworden, aber im Charakter gleich wie auf der anderen Seite – Wälder, Felder, Teiche, Seen, ein weiter Himmel. Die Grenzen sind hier willkürlich gezogen. So wie es auf der polnischen Seite eine litauische Minderheit gibt, gibt es auf der litauischen Seite eine polnische. Ortsnamen verraten bald slawische, bald baltische Wurzeln.

Nachdem der Zug einen verlassen wirkenden, mehrgleisigen Güterbahnhof passiert hat, fährt er in grosszügigem Bogen in Sestokai ein. Die Station wird dominiert von zwei imposanten Kränen, von denen einer einen leuchtend gelben Farbanstrich bekommen hat. Zu tun haben an diesem Sommertag aber beide nichts. Dabei wäre hier der Ort, wo Güter und Container von der russischen Breitspur, die in den ex-sowjetischen Staaten noch überall benützt wird, auf die europäische Normalspur umgeladen werden sollten.

Im Kajak nach Weissrussland

Probleme mit der Verkehrsinfrastruktur kennt Augustow nicht erst seit jüngster Zeit. Vor fast 200 Jahren hat ein Dilemma dem Städtchen einen Bau beschert, der heute zu den grössten touristischen Attraktionen gehört: den Augustow-Kanal. In Angriff genommen wurde das rund 100 Kilometer lange Bauwerk 1823, weil Preussen zwei Jahre zuvor für polnische Waren prohibitive Zölle eingeführt hatte. Dies bedrohte das sogenannte Kongresspolen (den aus dem Wiener Kongress hervorgegangenen und Russland angegliederten polnischen Staat) wirtschaftlich, weil kein direkter Zugang zur Ostsee bestand. Sowohl die Weichsel wie die Memel mündeten auf preussischem Gebiet.

Deshalb wurde eine künstliche Wasserstrasse geplant, mit der eine Verbindung vom Einzugsgebiet der Narew über die Biebrza bis zum damals russischen Hafen Ventspils (heute Lettland) hergestellt und preussisches Territorium umgangen werden sollte. Bis 1839 wurde die erste Etappe erstellt, die Verbindung von der Biebrza zum Nieman (der Memel) knapp unterhalb der heute weissrussischen Stadt Grodno. Kaum fertig, war der Kanal hinfällig, denn Preussen senkte die Zölle wieder. 1919 schliesslich erhielt Polen durch den Weichsel-Korridor wieder direkten Zugang zur Ostsee, womit der Kanal jegliche wirtschaftliche Bedeutung verlor.

Heute hingegen stellt er eine beliebte Route für Kanu- und Kajaktouristen dar, für welche die nordostpolnische Seenplatte ein Eldorado ist. Die 14 Schleusen auf polnischem Territorium werden gewissenhaft instand gehalten, da man den Kanal in das Unesco-Welterbe eingetragen sehen möchte.

Seit Mitte Mai hat der Augustow-Kanal eine weitere Spezialität zu bieten. Bei der Schleuse Kurzyniec wurde nämlich ein ständiger Grenzübergang zu Weissrussland eingerichtet – es ist der einzige Fluss-Übergang für Wassersportler an einer Schengen-Aussengrenze. Überqueren konnte man die Grenze zwar schon ab 2005, doch musste man die Grenzwache per Mobiltelefon im Voraus aufbieten.

Doch ebenso wie eine durchgehende Via-Baltica-Autobahn ist auch eine Rail-Baltica-Bahnverbindung bis jetzt höchstens auf den Reissbrettern von Planern und in den Köpfen der Autoren von Machbarkeitsstudien vorhanden. Wenn Sestokai mit je einer internationalen «Schnellzugsverbindung» in jeder Richtung pro Tag und einem vor sich hin dösenden Cargo-Terminal das Nervenzentrum des Nord-Süd-Bahnverkehrs in diesem Teil der Europäischen Union ist, dann steht es um diesen Bahnverkehr nicht gut. Man spürt, dass man sich in einem sehr fernen Osten der EU befindet.

Wie ein Ufo taucht unvermittelt ein topmoderner Dieseltriebwagen der litauischen Eisenbahnen in Sestokai auf, um die internationalen Reisenden aus der Hauptstadt Vilnius auf den Anschlusszug nach Warschau zu bringen und die aus Polen angekommenen Passagiere abzuholen. Und nach einer Dreiviertelstunde Fahrt in Richtung Vilnius ein zweites Erlebnis wie aus einer anderen Welt. Ab der Kleinstadt Kazlu Ruda scheint der Zug plötzlich fast lautlos dahinzuschweben: Die Schienen sind verschweisst. Vielleicht wird aus Rail Baltica, seit Jahren als prioritäres Infrastrukturprojekt der EU dargestellt, doch einmal etwas.

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