Zeitungsartikel zu Belarus

Eine weissrussische Hochschule im Exil

NZZ vom 19. Juli 2011 «Vilnius als einstweiliger Zufluchtsort der Europäischen Humanistischen Universität.» 1992 in Minsk durch private Initiative gegründet, fiel die Europäische Humanistische Universität 2004 bei Lukaschenko in Ungnade. In Litauen fand sie darauf eine Exilheimat. Nicht nur aus akademischer Sicht ist ein Studium anspruchsvoll. Rudolf Hermann, Vilnius. Minsk, 1992: Der Eiserne Vorhang ist gefallen, die Sowjetunion ist Vergangenheit, die Gesellschaft befindet sich in Weissrussland, wie andernorts in Osteuropa, in mächtigem Aufbruch. Wie Pilze schiessen Interessengruppen, Bürgervereine, politische Initiativen und Institute aller Art aus dem Boden - sogar Hochschulen. Eine solche ist die European Humanities University (EHU), mit privatem Geld nicht zuletzt aus dem Umkreis des Financiers und Philanthropen George Soros als Alternative zum staatlichen Hochschulwesen eingerichtet. «Unerwünschte Bildungsanstalt.» Schon bald erfreute sich die Bildungsanstalt unter Intellektuellen eines ausgezeichneten Rufs und zählte mit ihrem Anspruch, die Studenten als Mitglieder einer zukünftigen offenen Bürgergesellschaft zu kritischem Denken zu führen, zu den begehrten Instituten. Sie war international gut vernetzt, achtete auf die Wahrung der akademischen Freiheit und suchte sich staatlichem Einfluss zu entziehen. Obwohl die Gebühren über dem lagen, was ein Studium an einer staatlichen Uni kostete, kam die EHU auf rund 1000 Studenten, namentlich aus Minsk und teilweise aus Grodno. Es handelte sich vorwiegend um Abgänger von Mittelschulen humanistischen Typs aus städtischem Milieu. Darüber schien man im Machtapparat des 1994 ins höchste Staatsamt gelangten und bald einmal autokratisch regierenden Präsidenten Lukaschenko nicht begeistert. 2004 wurde die EHU aufgefordert, das Gebäude, in dem sie eingemietet war, vorübergehend zu verlassen, weil es von einem Ministerium benötigt werde. Als die Universität der Aufforderung nachgekommen war, wurde ihr, wie Aliaksandr Kalbaska, der Vizerektor für akademische Fragen, erklärt, kurzerhand die Lizenz entzogen. Ohne Gebäude könne sie ihren Bildungsauftrag nicht mehr erfüllen, habe die Begründung gelautet. Es handelte sich um einen hinterhältigen Winkelzug des Staats, mit dem wohl der zu erwartenden Kritik begegnet werden sollte, die EHU sei aus politischen Gründen geschlossen worden. Mit der Universität ins Ausland umzuziehen, sei damals nicht die unmittelbare Reaktion gewesen, erzählt Kalbaska. Vielmehr habe man über Angebote von Partneruniversitäten in Deutschland, Russland und den USA nachgedacht, die bereit waren, Studenten zu übernehmen. Dann aber sei die Offerte aus Vilnius gekommen, dass der litauische Staat ein Gebäude kostenfrei zur Verfügung stellen und auch bei den administrativen Prozeduren zur Etablierung einer Privatuniversität nach litauischem Recht helfen würde. Die Europäische Kommission wiederum schulterte die Studiengebühren für die ersten zwei Jahre. Seit 2008 trägt sie mit einer Million Euro zum Budget der EHU bei, das sich auf rund 5 Millionen beläuft. Als "Universität im Exil" ist diese in Europa, und vielleicht sogar weltweit, ein Unikum. «Kein einfaches Studium.» Die 1400 Euro, mit denen Studiengebühren an der EHU in Vilnius jährlich maximal zu Buche schlagen, sind für weissrussische Studentinnen und Studenten dennoch kein Pappenstiel. Denn während sie auch in ihrem Heimatland inzwischen etwa ähnlich viel bezahlen würden, so sind die Lebenshaltungskosten in Litauen deutlich höher; nach der jüngsten drastischen Abwertung des weissrussischen Rubels ohnehin. Man habe deshalb Ratenzahlungen eingeführt und prüfe auch die Möglichkeiten von Zahlungsaufschub, erklärt Irena Vaisvilaite, Vizerektorin der EHU für administrative Belange. Die EHU bezeichnet sich als einzige weissrussische Universität, die in einem Umfeld von akademischer Freiheit arbeiten könne. Angesichts der politischen Verhältnisse im Land, aus dem sie stammt, ist das keine verwegene Behauptung. "Wir leiten unsere Studentinnen und Studenten an, mit ihren eigenen Augen zu sehen und ihrem eigenen Kopf zu denken", sagt Aliaksandr Kalbaska nicht ohne Stolz. Das muss für junge Leute in einem Land mit autoritärem Regime zwar eine attraktive Perspektive sein, aber sie hat ihren Preis. Denn die Studierenden und auch die Dozenten der EHU sehen sich oft mit Schwierigkeiten konfrontiert. Bei Reisen zwischen Weissrussland und Litauen sei es in der Zeit nach dem Umzug oft zu Schikanen gekommen, erzählt die Vizerektorin Vaisvilaite. Dann sei eine Zeit Ruhe gewesen, obwohl man sehr wohl gewusst habe, dass man unter Beobachtung stehe. Nun hätten die Unannehmlichkeiten aber wieder zugenommen. Für die EHU sei es namentlich schwierig, Teilzeitdozenten etwa für Wirtschaftsthemen zu gewinnen, die in Weissrussland einer unternehmerischen Tätigkeit nachgingen. Denn diese könnten von der Macht unter Druck gesetzt werden, was sie dann davon abhalten könne, ein Engagement bei der EHU einzugehen. «Risse im Machtgefüge.» Neben gegenwärtig etwa 800 Vollzeitstudenten in Vilnius nutzen rund 1200 Interessierte die Möglichkeiten eines Fernstudiums. Das Internet spielt hier eine bedeutende Rolle. Glücklicherweise habe man bisher keine Anzeichen, dass auf der weissrussischen Seite irgendwelche Filter installiert worden seien, heisst es seitens der Leitung der EHU. Das Problem sei eher finanzieller Natur, da der Internetgebrauch in Weissrussland nach Datenvolumen abgerechnet werde. Sobald es die politischen Umstände zulassen, möchte die EHU nach Weissrussland zurückkehren. Am Horizont ist ein solcher Schritt zwar noch nicht. Doch die jüngsten wirtschaftlichen Schwierigkeiten haben im kompakten Machtgefüge Lukaschenkos Risse entstehen lassen, die eine Zukunft des Landes in demokratischeren Verhältnissen nicht mehr ganz so unrealistisch erscheinen lassen.
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