Zeitungsartikel zu Belarus

Gedenken an Tschernobyl

Neue Zürcher Zeitung vom 26. April 2009

Paul Flückiger, Gomel: Die Opposition und die Regierung in Weissrussland gedenken auf ihre Art der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, die heute, Sonntag, vor 23 Jahren stattfand.

Präsident Aleksander Lukaschenko zeigte am Samstag eine gehörige Portion Zukunftsglauben:

"Wir müssen alles tun, damit hier wieder Leute leben und arbeiten", forderte er in Komarin, einem 35 Kilometer östlich von Tschernobyl gelegenen Strassendorf.

Seit Wochen war der Ort mit 3.000 Einwohnern herausgeputzt worden wie kaum je zuvor, Lukaschenko legte unter grossen Sicherheitsvorkehrungen einen Kranz für die Opfer der Reaktorkatastrophe nieder.

Laut der Nachrichtenagentur Interfax-Zapad kündigte er an, auch gegen den Widerstand der Weltöffentlichkeit die verstrahlte Zone um Komarin wieder in einen normalen Landstrich mit Ackerbau zu verwandeln.

Den Bewohnern des Gebiets versprach er, dass es dafür trotz der ökonomischen Krise nicht an Geld mangeln werde.

Probleme mit dem Tschernobyl-Gedenken dürfte dafür Andrei Toltschyn bekommen.

Der Oppositionspolitiker aus der Industriemetropole Gomel wurde am Donnerstagabend bei der Vorbereitung einer eigenen Kranzniederlegung verhaftet.

Seit Jahren versucht die Opposition, die die Gefahrenlage in den verseuchten Zonen weit kritischer beurteilt als die Regierung, die Bevölkerung mit Veranstaltungen wachzurütteln.

Heute Sonntag dürfte das heftige Gerangel zwischen Lukaschenko und der Opposition um das richtige oder echte Erinnern bei den Feierlichkeiten in der Hauptstadt Minsk weitergehen.

 

 

Helden. Bioroboter. Liquidatoren.

Tagesanzeiger vom 26.März 2011

«Wie bekämpft man eine Atomkatastrophe?
Die einzige Erfahrung dazu stammt aus der Sowjetunion. Sie lautet: Roboter helfen wenig.
Aber Hunderttausende Männer. Und eine Diktatur.Von Constantin Seibt.» Ein Ingenieur, der am Fluss fischte, war einer der wenigen Menschen, der die Explosion sah. Sie war voller Farben:
"Rot, Orange, Himmelblau es war eigentlich wunderschön." Am nächsten Morgen fuhren Fahrzeuge durch die Stadt, die die Strassen mit Seifenwasser reinigten. Erste Leute in Schutzanzügen waren zu sehen.
Es wurde ein schöner Frühlingstag und eine laue Nacht, wie sich die Redaktorin der Werkszeitung erinnerte:
"Das austretende Ozon versetzte in gehobene Stimmung. Alle waren auf der Strasse.
Es klingt verrückt, aber wir waren in bester Laune." Vom Unfall hörte man nicht viel.
Am Morgen war das Spital geräumt worden, um Platz zu machen. Ein Besucher sah einen der Neuankömmlinge.
Es war ein Arbeiter. Er sass nackt auf einer Bahre, hatte Verbrennungen am ganzen Körper und schrie das Lied "Vogel des Glücks".
Es war Freitag, der 26. April 1986. Am Morgen hatten die Messgeräte in der Stadt eine 15000-mal so hohe Strahlung gemessen als normal, am Mittag die 600000-fache Dosis.
Der Direktor des Atomkraftwerks hielt die Instrumente für kaputt. So dauerte es einen Tag, bis Jodtabletten verteilt wurden.
Und noch einen, bis 1200 gelbe Busse vorfuhren, um die 40000 Menschen "für zwei Tage" aus der Stadt zu bringen.
«Der Geschmack von Strahlen.» Der Reaktor Nummer 4 in Tschernobyl war nachts um halb zwei explodiert, nur Sekunden nach dem Start eines Notfall-tests.
Es ging um die Frage, ob die Restdrehung der Turbinen bei Stromausfall genug Energie liefern würde bis zum Anspringen des Notstrom-Aggregats.
Über den genauen Grund der Explosion streiten sich die Experten noch immer.
War es ein Bedienungsfehler? Oder technisches Versagen?
Klar ist nur, dass der Reaktor einen Konstruktionsfehler hatte:
Bei niedriger Leistung entstanden Luftblasen im Kühlwasser.
Dieses absorbierte die Neutronen nicht mehr. Die Folge:
Je mehr man bremste, umso rasanter erhöhte der Reaktor die Energie.
Als die Ingenieure einen Notstopp einleiteten, verhundertfachte der Reaktor für Sekundenbruchteile seine Leistung.
Die Explosion schleuderte den je nach Angaben 1000 oder 2000 Tonnen schweren Deckel vom Reaktor.
Und seinen Inhalt bis in 10000 Meter Höhe.
Die nun freie Radioaktivität war unsichtbar, aber man konnte sie spüren:
Die Ingenieure hatten einen säuerlichen Metallgeschmack im Mund:
Radioaktives Jod schmeckt wie Blei.
Einige der ersten Zeugen erinnern sich auch an die Stille.
Die immense Strahlung blockierte auf geheimnisvolle Art die Ohren.
Der erste Fotograf, der über dem brennenden Reaktorkern im Helikopter kreiste, sprach von völliger Lautlosigkeit.
Seine Fotografien waren unbrauchbar: Die Strahlung hatte den Film schwarz gefärbt.
Die ersten, die ausrückten, waren die 28Mann der Werksfeuerwehr.
Sie löschten die brennenden Trümmer vor dem Reaktor.
Eingige starben noch an der Unfallstelle. Andere erbrachen zwar, aber fühlten sich dann erholt.
Sie erlebten die Walking-Ghost-Phase:
Hoch verstrahlten Menschen geht es oft zwei, drei Tage glänzend, bevor sie unter Erbrechen und Durchfall qualvoll sterben.
Die 28 Feuerwehrleute wurden mit Denkmälern geehrt und in Moskau unter einer dicken Bleiplatte begraben.
Sie sollten die einzigen geehrten Helden und die fast einzigen unbestrittenen Toten der Katastrophe bleiben.
Die Zahl der weiteren Helfer kennt niemand.
Man schätzt, dass 600000 bis 800000 Menschen als Liquidatoren in Tschernobyl arbeiteten.
Die riskanteste Arbeit erledigten die Helikopterpiloten:
Sie warfen Unmengen von Sand, Beton und Borsäure über dem brennenden, 3000 Grad heissen Reaktorkern ab schwitzend, denn in 200 Meter Höhe war die Luft immer noch 120 Grad heiss und ungeschützt vor der Strahlung.
Als der Sand schmolz, bombardierten sie den Kern mit 2000 Tonnen Blei.
«Schutt aus dem Reaktorkern.» Die noch tödlichere Gefahr war das Dach.
Hier lagen Trümmer aus dem Reaktorkern so verstrahlt, dass man nach der Berührung die Hand nicht mehr schliessen konnte.
Für die Räumung wurden Roboter aus Deutschland und Japan bestellt.
Sie versagten jedoch alle: Einer blieb im flüssigen Teer kleben, anderen brannten wegen der Strahlung die Steuerungen durch, einer stürzte vom Dach.
Der einzige Roboter, der je funktionierte, war ein 5-Dollar-Spielzeugpanzer aus Plastik, der mit einer Minikamera die ersten Bilder aus dem Reaktorinneren schoss.
Die Räumarbeiten blieben also am Menschen hängen.
Deshalb gaben sich die Liquidatoren auch einen Spitznamen. Sie nannten sich "Bioroboter".
Experten betonen, wie effizient eine Diktatur im Fall eines Atomunfalls ist.
Denn die Aufräumarbeiten verschlingen, gerade wenn man Menschen schützen will, unendlich viel Personal.
Die berühmtesten Liquidatoren-Fotos stammen vom Reinigen des Dachs:
Eine Gruppe von Reservisten wird angeflogen, ins Reaktorgebäude geführt, dann in einen Schurz, einen Helm und Stiefel mit fast 30 Kilo Blei gesteckt. Eine Sirene.
Die Bleimänner rennen los, schaufeln eine Schippe Dreck über die Brüstung, dann eine zweite und rennen zurück.
Darauf bekommen sie eine Urkunde plus 100 Rubel und werden zurückgeflogen.
40 Sekunden reichten für eine lebenslängliche Dosis Strahlung.
Würde man in einer Demokratie dafür genug Leute finden?
Die Liquidatoren hoben etwa 300000 Kubikmeter an Gräben aus, in denen alles versenkt wurde:
Reaktortrümmer, ganze Dörfer, die Oberfläche der Böden selbst.
In den Tagen nach der Explosion befürchteten die Ingenieure eine noch grössere Katastrophe:
dass sich die glühende Masse im Reaktor durch den Boden fressen würde, wo sie in ein Becken mit Löschwasser fallen würde mit einer atombombenartigen Explosion von drei bis fünf Megatonnen.
Das hoch radioaktive Wasser wurde also erst abgepumpt, dann wurden 10000 Minenarbeiter über Nacht nach Tschernobyl verlegt.
Sie gruben einen 150-Meter-Tunnel unter den Reaktor, um das Betonfundament zu verstärken.
Wie soll eine Demokratie so etwas ohne Zwang managen?
(Gerüchte besagen, dass in Fukushima neben Experten auch Obdachlose und Alkoholiker eingesetzt werden.).
Der Sarkophag von Tschernobyl ist ein einzigartiges Gebäude.
Vielleicht entsteht, wie die japanische Firma Tepco angedeutet hat, in Fukushima bald ein zweites.
Bis dahin aber ist der Sarkophag von Tschernobyl das einzige Bauwerk seiner Grösse, bei dessen Errichtung das Wichtigste das Tempo war:
In nur 24Wochen zog man eine 70 Meter lange und 66 Meter hohe Pramide hoch aus riesigen Betonplatten konstruiert wie ein Kartenhaus, gehalten von 150-Tonnen-Trägern, grob gefugt mit Tonnen von Zement.
Das Gebäude ist undicht, Vögel nisten darin, Wasser sickert ein und trotzdem ist es eine Meisterleistung der Ingenieurskunst.
Am Tag seiner Fertigstellung schrieben die Liquidatoren ihre Namen auf die letzte Abdeckplatte.
In Interviews zu ihrer Arbeit fällt fast immer derselbe Satz: "Irgendwer musste es tun.
Ich bereue es nicht." Und einige erzählen "von dem mystischen Gefühl", das sie vor dem Einsatz in der radioaktiven Zone gehabt hätten.
Und dem Gefühl danach, "als hätten Vampire das Blut ausgesaugt". Und auch sonst gleichen sich die Interviews:
"Wir haben damals gekämpft, wir kämpfen immer noch." Viele reden über Operationen, Krankheit, Müdigkeit, tote Kameraden.
Eine Studie des Tschernobyl Forums der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) hielt 2005 jedoch fest, dass die Opferzahl des Unfalls sich auf genau 56 Personen belaufe.
47 direkt verstrahlte Liquidatoren plus 9 von insgesamt 4000Kindern, denen die Schilddrüse operativ entfernt worden war.
Was 9Kinder nicht überlebt hätten.
Der Rest all die Statistiken und Reportagen über Krebs oder Herzschwäche bei Liquidatoren, über Kinder mit offenem Rücken oder verkrüppelten Beinen ist laut dem Studienleiter Burton Bennett nicht beweiskräftig.
Eine Statistik, wonach allein in der Ukraine 25000 Liquidatoren bis 2005 starben, kommentierte Bennett mit den Worten: "Menschen sterben eben.
Das muss mit Tschernobyl nichts zu tun haben." Das wahre Problem nach der Katastrophe in Tschernobyl, sagte der Atomexperte, sei nicht die Gesundheit.
Sondern "ein lähmender Fatalismus" bei den Einwohnern der betroffenen Region, der durch "Mythen und Fehlinformationen über die Strahlungsgefahr" noch befördert werde.
Eine Greenpeace-Expertise rechnet mit etwa 93000 Toten, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit 50000 Opfern, andere Studien mit mehr. Aber Burton Bennett hat in einem Punkt recht:
Niemand hat harte Beweise. Die 600000 bis 800000 Liquidatoren unfreiwillig beim grössten Strahlenexperiment der Menschheit dabei haben auf dem Papier so gut wie keine Spuren hinterlassen.
Die Notizen über Namen und Strahlendosis wurden verschlampt, gefälscht, gestohlen, nie geführt, zum Militärgeheimnis erklärt: Es gibt keine Daten. Es gibt nur Geschichten:
Auf der ersten Fachtagung nach dem Unglück sprach der sowjetische Delegationsleiter von 40000 Toten.
Westliche Atomexperten drückten die Zahl auf 4000 Tote hinunter. Der Delegationschef brachte sich um.
Vergessen sind die Helden von Tschernobyl auch von der Politik.
Fünf Jahre nach der Katastrophe implodierte die Sowjetunion.
Von den Nachfolgestaaten Ukraine, Weissrussland und Russland erhalten die kranken Liquidatoren keine Rente oder medizinische Hilfe.
Das Gesundheitswesen ist in diesen Ländern zusammengebrochen.
Tod durch Krebs, Alkohol, Suizid ist kein Beweis für Strahlenschäden, wenn die Lebenserwartung der gesamten Bevölkerung sinkt.
Und über die verstrahlten Gebiete führt niemand wirklich Buch.
Auch hier streiten sich die Experten der Atomindustrie mit anderen Experten.
«Was vom AKW übrig bleibt.» Im Fall Tschernobyl sind fast keine Tatsachen unumstritten, keine Fakten sicher: Es ist nicht einmal klar, ob noch Material im Reaktor ist.
Offizielle Stellen sagen, dass 97 Prozent übrig sind.
Andere Wissenschaftler behaupten, dass fast der gesamte Kern in die Luft gegangen sei.
Es gibt Filme von Physikern, die in den Gängen des Sarkophags herumwandern und dies überleben.
Die Industriestaaten sprachen 2008 für die Sanierung des bröckelnden Sarkophags 1,27 Milliarden Dollar.
Ein zweiter Sarkophag soll auf Schienen gebaut und über den ersten gezogen werden.
Als Provisorium für 200 Jahre bis die Technik fortgeschrittener ist:
weil heute niemand eine Ahnung hat, wie man das AKW abbrechen könnte.
Den Zuschlag erhielt ein französisches Konsortium, das zuvor für 96 Millionen Dollar ein Zwischenlager für Brennelemente gebaut hatte. Nur für die falschen:
für intakte statt beschädigte. Es war unbrauchbar.
Die Ukrainer kommentierten dies gelassen mit:
"Eine weitere Ruine unter den vielen Ruinen in Tschernobyl." Und trotzdem, trotz aller Ruinen, liegt hier irgendwo das Dauerhafteste, was die Menschheit kennt:
Plutonium hat eine Halbwertszeit von 24110 Jahren, das ist gut fünfmal die Zeit, die seit Errichtung der Cheops-Pyramide biszum Bau des Sarkophags verstrichen ist.
Geräte zeigten: Die Strahlung lag 600000-mal höher als üblich.
Der Direktor des Atomkraftwerks hielt die Geräte für kaputt.
Einige der Liquidatoren erzählten von "einem mystischen Gefühl", bevor sie der Radioaktivität gegenübertraten.Foto:
Igor Kostin (Ria Novosti, Keystone).
 

 

25 Jahre nach der Katastrophe wird Tschernobyl zum Touristenziel

NZZ vom 10. April 2011
«Ukraine hofft auf jährlich eine Million Besucher in der Sperrzone um das havarierte AKW.» Pünktlich zur Fussball-EM 2012 im eigenen Land lanciert die Ukraine das Katastrophengebiet als Touristen-Destination.
Christine Brand, Tschernobyl. Die verseuchte Zone um Tschernobyl wird 25 Jahre nach der Explosion des Atomreaktors zur Touristenattraktion.
Die ukrainische Regierung will die Katastrophenregion während der Fussball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine als offizielle Destination aufführen.
Die 30-Kilometer-Sperrzone rund um den havarierten Atomreaktor liegt rund 100 Kilometer von Kiew entfernt und wird als Tagesausflug ins Programm aufgenommen.
Die Touristen können dabei in organisierten Gruppen die verlassene und noch immer atomar verseuchte Stadt Pripjat besuchen.
Diese liegt unmittelbar neben dem AKW und gleicht einer kriegsversehrten Siedlung.
Auch der etwas weiter entfernte Ort Tschernobyl, wo heute wieder Menschen leben und arbeiten, steht auf dem Reiseprogramm.
Wer sich nicht zu lange im Sperrgebiet aufhält, erfährt gemäss offiziellen Angaben keine gesundheitliche Gefährdung durch die Strahlung.
Die Ukraine hofft auf eine Million Besucher jährlich.
"Die Tschernobyl-Zone könnte für Touristen eine interessante Route sein", sagt Dmytro Zaruba, der ukrainische Delegierte für Tourismus.
"Sie ist im Grunde genommen ein Museum über die Geschichte der Sowjetära und die Tragödie, die dort passiert ist." Es handle sich zwar um eine "tragische Facette" seines Landes, doch diese solle nicht versteckt werden.
Um den erwarteten Touristenandrang zu bewältigen, will Zaruba die "Reiseführer-Programme klar lenken" und eine angemessene Logistik aufbauen.
Schon heute bieten private Organisationen Touren durch die Zone an.
2010 sollen gegen 10 000 Personen eine solche gebucht haben.
Bei der Firma Tschernobyl-Welcome kostet ein Tagesausflug ab Kiew 250 Euro, den Mietpreis für den Geigerzähler inbegriffen.
Kuoni bietet eine fünftägige Studienreise für 1870 Franken an - pünktlich zum 25. Jahrestag der Atom-Katastrophe am 26. April.
Ein Augenschein vor Ort zeigt, dass in der Sperrzone der Ausnahmezustand zum Dauerzustand geworden ist.
Die atomare Strahlung ist an verschiedenen Stellen stark, Pflanzen und Tiere weisen zu hohe radioaktive Werte auf.
Der Sarkophag, der den Reaktor abdichten sollte, ist marode.
Noch immer sind im AKW 3500 Menschen mit Aufräumarbeiten beschäftigt, 4000 arbeiten in der Ortschaft Tschernobyl.
In einzelnen Dörfern im Sperrgebiet sind vorwiegend ältere Menschen illegal auf ihre Höfe zurückgekehrt.
 

 

NZZ vom 10. April 2011

Verseuchtes Land, radioaktiv belastete Lebensmittel, eine tote Stadt und Menschen, die trotz allem zurückgekehrt sind:
25 Jahre nach dem atomaren GAU in Tschernobyl herrscht noch immer Ausnahmezustand.
Jetzt soll das Katastrophengebiet zur Touristenattraktion werden.
Obwohl der explodierte Reaktor nicht sicher ist.
Von Christine Brand, Tschernobyl.» An der Tür prangt die Nummer 301. Der Verputz schält sich von den Wänden, eine undefinierbare Flüssigkeit drückt durch die Decke.
Aus dem einstigen Hotelzimmer wächst ein Baum zum Fenster hinaus, das einen trostlosen Ausblick auf verlassene Wohnblöcke bietet.
Plattenbauten, nur mehr leere Hüllen mit starrenden, schwarzen Fensterhöhlen.
Ueberall wachsen Pflanzen, Sträucher, ein neuer Wald.
Die Natur erobert sich ihren Raum zurück.
Sie schert sich nicht darum, dass hier alles radioaktiv verseucht ist.
So sieht sie also aus, die Nachbarschaft einer atomaren Katastrophe:
Pripjat, der Häuserfriedhof im Norden der Ukraine, einst eine aus dem Boden gestampfte Planstadt mit fast 50 000 Einwohnern, liegt direkt neben dem Atomkraftwerk Tschernobyl.
Am 26. April 1986, um 1 Uhr 23, ist der Reaktor 4 nach einem Sicherheitsexperiment explodiert.
Ein atomarer GAU, von dem man bis vor kurzem dachte, dass er einmalig sei.
Es war ein sommerwarmer Samstag, damals, kaum jemand wusste, was nebenan geschehen war.
Noch am Abend nach der Nacht der Explosion war die ganze Stadt auf den Beinen.
Viel Betrieb im Hotel Polissia, sicher war auch das Zimmer 301 belegt.
Schliesst man die Augen, kann man in der Stille erahnen, welche Töne hier einst hängen geblieben sind; die Klingel des Liftes, wenn er die Etage erreicht, die Stimmen der Gäste, das Lachen der Kinder draussen. Arbeiter bauten gerade den Rummelplatz auf. Bald sollte der 1.
Mai gefeiert werden. Volksfeststimmung.
Am 27. April wurde die Stadt - doch noch - innert dreieinhalb Stunden geleert.
Busse brachten die Einwohner weg, nach Kiew, 100 Kilometer entfernt. Sie sollten nie wiederkommen.
«Ziel: Massentourismus.» Zuerst kehrten die Plünderer nach Pripjat zurück.
Jetzt sind die Journalisten da, aus aller Welt, stapfen in Atemmasken durch die gespenstische Szenerie, weil sich der Jahrestag zum 25. Mal jährt und hier noch immer nichts wieder in Ordnung ist.
Und nach den Journalisten sollen die Touristen kommen. In Massen.
Zumindest wenn es nach der ukrainischen Regierung geht.
Eine Million Besucher jährlich strebt der Tourismus-Delegierte Dmytro Zaruba an.
Pünktlich zur Fussball-Europameisterschaft 2012 im eigenen Land soll die 30-Kilometer-Sperrzone um den havarierten Reaktor zur offiziellen Touristendestination werden.
Schon heute reisen jährlich einige tausend an, um mit privaten Organisationen diesen toten Flecken Erde zu beschauen.
250 Euro kostet ein Tagesausflug mit der Agentur Tschernobyl-Welcome, die Miete des Geigerzählers inbegriffen.
Jetzt will die Regierung eines der ärmsten Länder Europas am Katastrophentourismus mitverdienen.
Nikolai Fumir, der in einer Art Kampfanzug steckt, ist einer der offiziellen Reiseführer in der Zone.
Er arbeitet für das Tschernobyl-Informationszentrum und war noch nicht geboren, als das Unglück geschah.
Nein, sagt er, in der Schule hätten sie nichts darüber erfahren.
Je 15 Tage lang darf er sich in der Sperrzone aufhalten, dann muss er wegen der Strahlenbelastung 15 Tage lang draussen bleiben.
So wie all die andern Arbeiter hier.
Das sind nicht wenige. 25 Jahre nach der Katastrophe arbeiten noch immer 3500 Menschen im AKW.
Die drei intakt gebliebenen Reaktoren sind mittlerweile stillgelegt, zwei wurden nie fertig gebaut.
Ueber den unvollendeten Kühltürmen mit ihren Baugerüsten kreisen die Raben wie Geier.
Die Arbeiter im AKW sind mit Aufräumen, Rückbauen, Entsorgen beschäftigt, Tag für Tag, noch jahrelang.
Weitere 4000 Menschen arbeiten im Dorf Tschernobyl, das einige Kilometer entfernt liegt.
"Ihre Hauptaufgabe ist es, zu verhindern, dass verstrahltes Material die Zone verlässt", erklärt Nikolai.
Und natürlich gebe es noch andere Aufgaben; die Instandhaltung der Infrastruktur, es brauche Elektriker, Feuerwehrmänner, Wasserfachleute, Arbeiter für die Waldwirtschaft.
Skurril mutet es an, wenn das Erste, was man innerhalb der Sperrzone erblickt, fünf Strassenarbeiter sind, die eine Leitplanke schwarz-weiss bemalen.
Die Eigenartigkeit vermag sich noch zu steigern, als später, keine 90 Meter vom havarierten Reaktor entfernt, drei Frauen ohne Atemmasken den Bordstein weiss bepinseln.
Während der Geigerzähler des Greenpeace-Experten, der die Journalisten-Gruppe führt, rasend schnell rattert.
Manche Arbeiter wohnen vorübergehend in Tschernobyl, andere verlassen die Zone jeden Abend. Und dann gibt es noch diejenigen, die bleiben.
Die zurückgekehrt sind, obwohl es keine Rückkehr geben sollte.
Wie die Einwohner des Dorfes Kupowate, mitten im Sperrgebiet.
Die Strasse hierher ist holprig, führt durch tundraähnliche Landschaften und Wälder.
Hin und wieder versteckt sich hinter den Stämmen ein überwuchertes Haus, das in seiner Einsamkeit zerfällt.
In Kupowate aber stehen zwischen den Ruinen ein paar intakte Höfe. Das Plumpsklo im Garten.
Der Ziehbrunnen vor dem Haus. 20 Frauen und 4 Männer leben hier.
Ihr Durchschnittsalter dürfte ungefähr bei achtzig liegen.
«Leben in der Todeszone.» Hanna Sawarotnia ist 78 und stopft die ganze Journalistenschar in ihre enge Stube, wo die Schwester krank im Bett liegt.
1987, nur ein Jahr nach der Evakuierung, kehrte sie auf ihren Hof zurück, was zwar verboten war, aber geduldet wurde.
Heute ist ihr Mann tot, der Sohn an einer Blinddarmentzündung gestorben, die Schwester, eben, krank.
Auf dem Fenstersims reihen sich Medikamentendosen.
An der Wand hängen zwei kleine Samichläuse in hellblau-silbrig schimmernden Kostümen.
Es riecht nach geräuchertem Speck. Warum sie wiederkam?
"Weil hier meine Heimat ist, die lässt sich nicht ersetzen." Ob sie keine Angst hat vor der radioaktiven Strahlung:
"Ich spüre keine Strahlung." Sie spricht wie ein Profi in die Mikrofone, es ist klar, sie macht das nicht zum ersten Mal.
Dann verrät das Klingeln ihres Handys, dass die Moderne doch Einzug gehalten hat in Kupowate. Die Cousine.
"Ich hab das Haus grad voller Journalisten", sagt Sawarotnia und zeigt ihr zahnloses Lachen.
Später wird sie auch noch demonstrieren, wie sie aus Birkenrinde Saft gewinnt. Und trinkt. Draussen, neben dem Hühnerstall.
Schweine hat sie auch. Nur Kühe sind keine mehr da.
"Ja, die von der Regierung haben Tests durchgeführt", erzählt sie. "Hier ist nichts verstrahlt.
Wir können alles aus dem Garten bedenkenlos essen." Es ist nicht auszumachen, ob sie ihren eigenen Worten Glauben schenkt.
Die ukrainische Regierung hat ihr Untersuchungsprogramm laut Greenpeace vor zwei Jahren eingestellt.
Die Umweltschutzorganisation hingegen hat im März in der Region Rokytne, nahe der weissrussischen Grenze, 300 Kilometer von Tschernobyl entfernt, eigene Tests auf das radioaktive Element Cäsium-137 durchgeführt.
93 Prozent der Milchproben von Kühen überschritten die ukrainischen Strahlengrenzwerte für Kinder um mehr als das Zehnfache.
Ebenso belastet waren Beeren und Pilze.
Vor allem Kindern können die zu hohen Werte schaden. Igor Bogdanchyk, Arzt in Rokytne, sagt:
"Nach der Definition der WHO gibt es bei uns keine gesunden Kinder." Oft leiden sie an Schilddrüsen-Krankheiten. Viele werden nie mehr gesund.
Auch Mykola Isaiew, 56, verbringt alle paar Monate einige Wochen im Spital.
Als er damals, am Morgen des 26. April 1986, zum AKW fuhr, um seine Schicht anzutreten, sah er, dass der Block 4 in Flammen stand.
Keiner hatte ihnen etwas gesagt. So wurde er unfreiwillig ein Liquidator der ersten Stunde.
Einer von insgesamt 800 000. "Wer den Dienst verweigerte, landete im Gefängnis", sagt der Atomphysiker.
Er war auch am Bau des Sarkophags beteiligt, der innert sechs Monaten unter massiver radioaktiver Strahlung und schwierigsten Bedingungen als Schutzhülle um den Reaktor gebaut wurde.
Der heute, in die Jahre gekommen, noch immer dasteht:
Marode, instabil, auch das Dach hat schon geleckt.
"Der Sarkophag kann jederzeit einstürzen", sagt Mikhail Umanetz, von 1987 bis 2002 Direktor des AKW Tschernobyl.
Experten schätzen, dass sich im Innern noch 96 Prozent des ursprünglichen Brennstoffs befinden.
"Die Gefahr ist nicht gebannt", sagt Umanetz.
"Sie wird von Tag zu Tag grösser." Darum ist seit Jahren ein neuer Sarkophag in Planung, zweimal so gross wie der Hamburger Hauptbahnhof.
Er müsste wegen der Strahlung etwas weiter weg gebaut und auf Schienen an den Standort geschoben werden.
Ein Projekt der Superlative, 1,6 Milliarden Euro teuer.
"Schreitet die Planung des neuen Sarkophags im bisherigen Tempo fort, warten wir im nächsten Jahrtausend noch immer", sagt Umanetz bitter.
Die Dachterrasse des einstigen Hotels in Pripjat wird den Touristen, die bald für einen Tagestrip hierher reisen, einen Blick auf das AKW von Tschernobyl gewähren.
Einst Symbol für die Leistungsfähigkeit der damaligen Sowjetunion.
Heute Mahnmal für eine atomare Katastrophe - die einen ganzen Landstrich zur lebensfeindlichen Zone machte, in welcher der Ausnahmezustand Dauerzustand bleiben wird.

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