Zeitungsartikel zu Belarus

Langsames Erinnern in Weissrussland

NZZ vom 11 Oktober 2011 «Das Gedenken an die jüdische Geschichte und den Holocaust findet erst langsam seinen Platz in der Gesellschaft.» Im kollektiven Gedächtnis Weissrusslands hatten die jüdische Geschichte und der Holocaust lange keinen Platz. Langsam ändert sich das - der Anstoss kommt oft von Holocaustüberlebenden aus dem Ausland. Elena Panagiotidis, Minsk. Vor 70 Jahren begann mit dem Unternehmen Barbarossa der Krieg gegen die Sowjetunion. Im kollektiven Gedächtnis Weissrusslands nimmt der "Grosse Vaterländische Krieg" bis heute eine wichtige Rolle ein. In Minsk erinnert auf dem Peramoga-Platz, dem Siegesplatz, ein 40 Meter hoher Obelisk an die Befreiung der Hauptstadt, die nach 1100 Tagen deutscher Besatzung so zerstört war, dass daran gedacht wurde, die Hauptstadt nach Mogilew zu verlegen. In vielen Städten und Dörfern stehen Panzer am Ortseingang oder in der Mitte des Ortes, um an den Tag der Befreiung zu erinnern. «"Friedvolle Sowjetbürger".» Weniger präsent ist dagegen die Erinnerung an die jüdische Geschichte und den Holocaust. Zu Zeiten der Sowjetunion fanden im offiziellen Gedenken die jahrhundertelange Geschichte der jüdischen Bewohner Weissrusslands und ihre Verfolgung und Ermordung im Zweiten Weltkrieg keinen Platz. Wenn überhaupt an die jüdischen Opfer von Massenerschiessungen gedacht wurde, erinnerte man meist an "friedvolle sowjetische Bürger, ermordet von den faschistischen Invasoren". So erinnern in dem Waldstück bei Baranowicze, wo im März 1942 rund 3000 Juden aus Oesterreich und der Tschechoslowakei erschossen wurden, noch heute zwei Gedenkplatten an die "tschechoslowakischen Brüder", ohne jedoch deren jüdische Herkunft zu erwähnen. Seit den neunziger Jahren hat ein Wandel in der Erinnerungskultur Weissrusslands eingesetzt. Präsident Lukaschenko ehrte die Opfer des Holocaust erstmals 1997 mit einem Besuch an der "Jama", der Grube, in der im März 1942 etwa 5000 Juden des Minsker Ghettos erschossen wurden. Seit dem Jahr 2000 zeigen staatliche Vertreter alljährlich ihre Präsenz bei den Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Minsker Ghettos. Ein kleiner Obelisk erinnerte bereits zu Sowjetzeiten an die im Ghetto der Hauptstadt Ermordeten, seit 2008 ergänzen einfühlsame Skulpturen des Architekten Leonid Lewin den Gedenkort. «Engagierte Nachfahren.» Zum Wandel in der Erinnerungskultur haben vor allem die Vertreter jüdischer Organisationen in Weissrussland, wie zum Beispiel die Belarussische Vereinigung der jüdischen ehemaligen Ghetto- und KZ-Häftlinge, und die Nachfahren von Ueberlebenden des Holocaust aus dem Ausland beigetragen. Die Erfahrung, dass es insbesondere Nachfahren sind, die den Anstoss für ein breiteres Gedenken geben, hat auch die Kuratorin des Museums für Geschichte und Regionalstudien in Nowogrudok, Tamara Werschizkaja, gemacht. Die Stadt im Westen Weissrusslands ist daher bekannt, weil in der Nähe die Brüder Bielski im Jahr 1942 die erste Partisaneneinheit gründeten, die sich ausschliesslich aus Juden zusammensetzte und deren Ziel es war, Juden zu retten. Die letzten verbliebenen Insassen des Ghettos in Nowogrudok schlossen sich nach ihrer spektakulären Flucht durch einen selbst gegrabenen Tunnel den Bielski-Brüdern an. Diese Geschichte wurde 2009 mit Daniel Craig unter dem Titel "Defiance" verfilmt. In der ehemaligen Baracke, von der aus der Tunnel in die Freiheit führte und die heute das Museum des jüdischen Widerstands beherbergt, erzählt Werschizkaja, dass der in London lebende Jack Kagan, der als Jugendlicher das Ghetto überlebt und sich den Bielski-Brüdern angeschlossen hatte, als einer der ersten überlebenden Juden 1991 seinen ehemaligen Heimatort besuchte. Dass die offizielle Gedenkkultur der Sowjetzeit die ermordeten Juden mit keinem Wort erwähnte, störte ihn. Die auf seine Initiative entstandenen und von ihm selbst finanzierten Denkmäler für die Juden Nowogrudoks vermerken nun neben den nationalsozialistischen Mördern auch die örtlichen Kollaborateure. Inzwischen kümmern sich Schüler und Studenten um die Ueberreste des jüdischen Friedhofs der Stadt. Vergangenes Jahr wurde Jack Kagan zum Ehrenbürger Nowogrudoks ernannt für seinen Einsatz, die Erinnerung an den Holocaust zu bewahren und seinen Geburtsort in der Welt bekannt zu machen. Auch in anderen Orten seien Denkmäler für die ermordeten jüdischen Einwohner durch Initiative ihrer im Ausland lebenden Nachfahren errichtet und finanziert worden, sagt die Historikerin Werschizkaja. In Lubcha im Distrikt Nowogrudok habe eine Engländerin, deren Grosseltern aus dem Dorf stammten, unter grosser Anteilnahme der Bevölkerung ein Monument für die Juden des Ortes errichten lassen. Die örtliche Verwaltung kümmere sich nun um dessen Instandhaltung. «Chaim Weizman und Chagall.» Auch aus dem Gästebuch des Museums für jüdische Geschichte und Kultur in Belarus wird ersichtlich, dass es oftmals die im Ausland lebenden Nachfahren weissrussischer Juden sind, die sich auf die Suche nach ihren Wurzeln begeben. Das Museum besteht aus einem einzigen Raum in einem flachen Gebäude in einem Minsker Hinterhof. Wechselnde Ausstellungen beleuchten das jüdische Leben in Weissrussland. Man wolle kein reines Holocaust-Museum sein, betont die Leiterin Inna Gerasimowa bei der Führung. Die Leiden der Juden im Holocaust seien nicht von den Leiden der übrigen weissrussischen Bevölkerung zu trennen. So finden sich neben Lebensgeschichten von im Holocaust ermordeten Personen und Fotografien der zerstörten Synagogen viele Gegenstände aus dem Alltagsleben. Jüdische Persönlichkeiten, die auf weissrussischem Gebiet geboren wurden, wie der erste Präsident Israels, Chaim Weizman, der aus Pinsk stammte, der Historiker Simon Dubnow und Marc Chagall, dessen Geburtshaus in Witebsk noch heute steht und zu besichtigen ist, werden im Museum gewürdigt. Vielfach stelle aber nach wie vor fehlendes Wissen der Bevölkerung ein Problem dar, beklagt sich der Historiker und Journalist Aleksandar Litin aus Mogilew, der kürzlich den vierten Band einer Chronik zu den Juden in Mogilew und Umgebung veröffentlicht hat. Zwar gebe es in einigen Bezirks- und Dorfschulen engagierte Lehrer und Ethnologen, die Chroniken der örtlichen Schtetl geschrieben hätten und die jüdische Vergangenheit ihrer Orte aufarbeiteten. Auch in den Geschichtsbüchern der 9. und 11. Klasse fänden sich zwar mittlerweile Informationen zum Holocaust, aber nirgendwo werde der Akzent darauf gelegt, dass es den Nationalsozialisten speziell um die Vernichtung des jüdischen Volkes gegangen sei. «Bewusstsein für das Erbe.» Zudem übten lokale Angestellte der Regierung teilweise Druck aus, um die Präsenz jüdischer Geschichte in den Museen zu marginalisieren, sagt Litin. Auch auf Ethnologen, die sich mit dem Thema beschäftigten, werde Druck ausgeübt. Vor allem die jüngere Generation habe kaum eine Vorstellung davon, dass es noch bis zum Zweiten Weltkrieg blühende jüdische Gemeinden auf dem Gebiet Weissrusslands gegeben habe. Mit dem Begriff Holocaust könnten viele gar nichts anfangen. Hier setzen die seit 2003 in Nowogrudok regelmässig stattfindenden Seminare über den Holocaust für Lehrer an, die vom Museum für Geschichte und Regionalstudien und vom London Jewish Cultural Center organisiert werden. Seitdem bemühten sich viele lokale Museen, den Holocaust in ihren Ausstellungen zu thematisieren, sagt Tamara Werschizkaja. Doch um wirklich begreifen zu können, was man verloren habe, müsse man wissen, was man gehabt habe. Deshalb habe man in Nowogrudok in diesem Jahr zum ersten Mal eine Konferenz über jüdische Kultur und Geschichte als Teil der Kultur und Geschichte Weissrusslands organisiert, die sich an Museumsangestellte gerichtet habe. Thematisiert wurden unter anderem die Bedeutung jüdischer Feiertage, das Leben im Schtetl sowie die Beziehungen zwischen Christen und Juden. Es müsse ein Bewusstsein für das reiche kulturelle Erbe Weissrusslands geschaffen werden. Zur Aufarbeitung der Geschichte tragen auch Initiativen wie die weissrussisch-deutsche "Geschichtswerkstatt Minsk" bei, die ihre Räumlichkeiten auf dem Gelände des ehemaligen Ghettos der Hauptstadt hat. Das Haus liegt direkt neben dem alten jüdischen Friedhof, auf dem Gedenktafeln auch an die aus verschiedenen Teilen des Deutschen Reichs ins Ghetto Minsk deportierten Juden erinnern. Die eindrückliche Skulptur eines zerbrochenen Tisches und eines Stuhles erinnert daran, wie die neu ins Ghetto Eingelieferten ihre Unterkünfte vorfanden: in aller Hektik verlassen von den vorherigen Bewohnern, die bereits ermordet worden waren. Mitarbeiter des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks (IBB) Dortmund, des IBB Minsk und des Verbands der jüdischen Gemeinden in Weissrussland, die die Geschichtswerkstatt initiierten, arbeiten an der Aufarbeitung der Geschichte des Ghettos Minsk und des nahe gelegenen ehemaligen Vernichtungslagers Maly Trostenec, in dem zwischen 60 000 und 200 000 Menschen ermordet wurden. Neben dem offiziellen Gedenkstein in einem Waldstück hat eine österreichische Gruppe gelbe Schilder mit den Namen von Wiener Juden, die in Maly Trostenec ermordet wurden, an Baumstämme geheftet. Diese schlichte Form des Erinnerns gibt Ermordeten einen Namen. «Handlungsbedarf.» Aber nach wie vor besteht an vielen Stätten noch Handlungsbedarf. In der Kleinstadt Slonim, in der Juden vor dem Zweiten Weltkrieg 80 Prozent der Bevölkerung stellten, gibt die alte Synagoge aus dem 17. Jahrhundert ein trauriges Bild ab - von ihrer früheren Bedeutung ist nichts zu spüren. Das Gebäude neben dem Marktplatz ist eingezäunt, das Betreten verboten, so dass man sich die alten Fresken nicht anschauen kann. Gelder für die Renovierung fehlen. In Woloschin hat das Gebäude der 1803 begründeten Jeschiwa, die weltweit führende Rabbiner und Gelehrte hervorbrachte, eine renovierte Frontseite, doch die Schmalseiten verfallen weiter. Auf dem jüdischen Friedhof von Woloschin befindet sich auch die Grabstätte des Jeschiwa-Gründers Rabbi Hayim Volozhyner. Der Friedhof ist überwuchert, und um zu dem Grab des Gelehrten und seiner Familie zu gelangen, trampelt der Besucher unwillkürlich durch hüfthohes Gestrüpp und über alte Grabsteine. Trotz vielen Schwierigkeiten lässt sich sagen, dass die weissrussische Erinnerungs- und Gedenkkultur in Bewegung ist. Ob das Gedenken an die jüdische Geschichte weiterhin hauptsächlich auf die jüdischen Gemeinden des Landes und einige Gruppen von Historikern und Ethnologen beschränkt bleiben wird, wie es der Mogilewer Historiker Litin befürchtet, oder ob der Holocaust dauerhaft seinen Platz im kollektiven Gedächtnis Weissrusslands findet, bleibt abzuwarten.
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