Zeitungsartikel zu Belarus

Schockinflation von 2011

NZZ vom 26. Juni 2011 Autokrat Lukaschenko treibt sein Land mit populistischen Lohnerhöhungen und Inflation in den Ruin. In der Grenzregion zu Polen und Litauen kommt es nun zu Protesten. Paul Flückiger, Grodno. "Zehn Dollar, bitte", sagt der Mann in der Wechselstube im Wartsaal des Busbahnhofs von Grodno und hält eine blaue 50 000-Rubel-Note hin. Der Verkäufer schüttelt den Kopf. "Keine Dollars!" Der Kunde hat offenbar nicht gewusst, dass kein Weg an Jewgenia und ihrer Liste vorbeiführt. Die korpulente Rentnerin bietet dem Mann Platz Nr. 266 auf ihrer Devisentausch-Warteliste an. Das bedeute zwar zwei Monate Wartefrist, aber dann könne er bis zu 1000 Dollar tauschen, informiert sie ihn. Jewgenias Dienstleistung ist gratis; die einzige Bedingung ist, dass man sich täglich bei ihr meldet. "Sonst fällt man raus und muss wieder von vorne beginnen", sagt sie scharf. Seit der weissrussische Autokrat Aleksander Lukaschenko zum dritten Mal gewählt wurde, ist das Land in eine Wirtschaftskrise geschlittert. Am Anfang standen massive Erhöhungen der Löhne und Sozialausgaben. Lukaschenko warf dafür seine Notenpresse an, der sowieso schon schwache weissrussische Rubel begann einzubrechen. In den Wechselstellen mangelte es an Devisen. Ende Mai wertete die Nationalbank die Landeswährung gegenüber dem Dollar auf einen Schlag um die Hälfte ab. Hamsterkäufe waren die Folge; lange vergessene Bilder leerer Ladengestelle machten die Runde. Die Regierung verhandelt inzwischen mit dem Währungsfonds über einen Stützkredit von bis zu acht Milliarden Dollar. Doch die Bereitschaft, Lukaschenko und seiner verstaatlichten Wirtschaft nach den brutal niedergeschlagenen Nachwahl-Protesten zu helfen, ist nicht besonders gross. Inzwischen sind die Ladengestelle wieder voll. Im Einkaufszentrum Almi an der Ausfahrtsstrasse Richtung Minsk, der weissrussischen Hauptstadt, gibt es alles, was das Herz begehrt. Viele Preise haben sich allerdings verdoppelt, vor allem für Importprodukte. Doch selbst die weissrussische Butter ist 40 Prozent teurer geworden, ebenso das Speiseöl. Nur der Wodka-Preis verzeichnet mit 13 Prozent einen moderaten Anstieg. Offiziell lag die Inflationsrate in den ersten fünf Monaten bei 20,2 Prozent. Die Preissteigerungen haben die Weissrussen verunsichert. Auf dem zentralen Markt unweit des Busbahnhofs ist die Hälfte der Stände leer. Auch die meisten der solide gebauten, teureren Verkaufslokale haben die Rollläden heruntergelassen. "Wer noch Importware besitzt, hortet sie", erklärt ein Händler, "denn wer weiss, was morgen der Rubel noch wert ist." Vor dem Markt floriert dagegen der illegale Strassenhandel. Die Polizei ist allgegenwärtig. Sie prüft Ausweise, doch im Unterschied zu früher werden fliegende Kleinhändler nun selten des Platzes verwiesen. Lukaschenko liess inzwischen die Preise für ein paar Grundnahrungsmittel per Dekret einfrieren. Eine Reihe von Ausfuhrbeschränkungen haben vor Wochenfrist zu Protesten am nahen Grenzübergang Bruzgi geführt. Statt fünfmal pro Tag dürfen die Benzinschmuggler dort nur noch alle fünf Tage nach Polen fahren. Die Polizei setzte Tränengas gegen die Protestierenden ein. "Dies war ein einmaliger Aufschrei, die paar Schmuggler werden der Opposition nicht helfen", sagt der lokale Menschenrechtsaktivist Jurgel Raman resigniert.

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