Zeitungsartikel zu Belarus

Weissrussisches Kaleidoskop

Neue Zürcher Zeitung vom 12.08.2009

«Valentina Mort verzaubert mit ihrem Gedichtband "Tränenfabrik".» Ilma Rakusa.

Sie ist erst achtundzwanzig, verfügt über eine breite lyrische Palette und über einen Tonfall, der sich sofort einprägt:

Valentina Mort, die zierliche Dichterin aus Minsk, die es vor Jahren nach Washington D. C. verschlagen hat. Wie in Weissrussland üblich, wuchs sie vor allem russischsprachig auf, doch schon ihre ersten Gedichte schrieb sie auf Belarussisch, dessen melodiöse Weichheit ihrer Musikalität - sie wollte ursprünglich Opernsängerin werden - entgegenkam.

Zugleich entdeckte Valentina Mort in dieser vom Regime unterdrückten Volkssprache das adäquate Ausdrucksmittel für Zärtlichkeit, Trauer, Wut und Protest.

Auf Belarussisch besang sie die geliebte Grossmutter ("grossmamas arme - zwei storchenbeine / zwei rote stöckchen / und ich hocke mich hin / und heule wie ein wolf") und die hellen Klaräpfel ("wir lasen euch auf / wie muscheln in grünen ozeangärten"), schrieb über sterbende Bücher, havarierte Lieben, polnische Immigranten und die schmerzlichen Häutungen des Körpers, auf Belarussisch schreibt sie über New York, Floridas Strände und Jean-Paul Belmondo, auch wenn das Englische ihr allmählich ans Herz wächst.

"Tränenfabrik" heisst der deutsche Auswahlband in Katharina Narbutovas sensibler Übertragung, und er ist eine Entdeckung der besonderen Art.

Denn Morts Gedichte enthalten ganze Welten: west-östliche Landschaften und Befindlichkeiten, Alltags- und Märchenszenarien, visionäre Utopien und lakonische Einsichten, bedrückende Erinnerungsbilder und abgründige Todesmetaphern.

Nicht nur die Vielfalt der Motive überrascht, sondern auch die der Register:

zwischen heiter und melancholisch, zwischen verträumt und schonungslos direkt.

Mit stupender Wandlungsfähigkeit spricht bald ein Kind, bald eine alterslose, der vergangenen Jugend nachtrauernde Frau, bald ein zartes Flügelwesen, bald eine scharfzüngige Beobachterin.

Valentina Morts Gedichte gehen unter die Haut, ja sie tun weh.

Wie diese Zeilen aus dem Titelgedicht "Tränenfabrik":

"Und wieder liegt in der jahres- / bilanz die tränenfabrik / vornan.

// während mein verkehrsamt sich noch die hacken ablief / und das amt für herzensangelegenheiten / noch hysterische attacken ritt, / fuhr die tränenfabrik nacht für nacht schicht, / brachte selbst an sonntagen neue rekorde der produktion. (...) ich bin arbeitsinvalide meiner heldentränenfabrik, / habe schwielen auf den augen, / dazu noch den jochbeinbruch / bezahlt werde ich nach der leistung / und bin zufrieden mit dem, was ich habe." Realsozialistisches Vokabular trifft hier auf politisch oder privat verursachten Schmerz, und der Sarkasmus ist unüberhörbar.

Er ist es auch im Gedicht "in fragezeichenposition", wo das diktaturgeschädigte Ich "sechzehn namen für die finsternis" sucht und bekennt:

"das lockenwicklereinzugsprinzip / war die basis des nationalen mähdrescherbaus - / und meine erste metapher / die ich wutentbrannt wiederkäute / als hätte ich einen schwanensee verschluckt." Unschuldsgeraune und Sentimentalität gibt es bei Valentina Mort nicht.

Doch eine faszinierende Palette von Bittersüssem und Helldunklem.

Ob es um die Schwierigkeiten der Ehe geht ("und deine kolumbussin hier / die die fleischroten augen weit aufreisst /sieht nicht weiter als bis / zum bug ihrer barke / wer sticht in see nun, dich zu entdecken"), um die Oper "Carmen" oder die Leiden der weissrussischen Sprache.

Mort hält sich, vital und erfinderisch, an die Metapher.

Und manchmal zaubert sie mit einer Souplesse, die Heiterkeit, Charme, ja Übermut verrät.

So in dem vor Sinnlichkeit sprühenden Belmondo-Gedicht, das einen Flirt mit dem Filmschauspieler und seiner Stadt Paris imaginiert:

"alles fängt an mit Ihrem steingesicht / auf dem wie zwei robben die lippen liegen / im küstennebel aus zigarettenrauch / laufen Sie durch die strassen / sie aufzuzählen hiesse - / den wellen des meeres namen zu geben (. . .) Ihre brustblessur färbt sich rabenschwarz.

/ ich sage Sie sind meine jugend (so ist es vereinbart). / der apfel, der mich isst, um nichts zu wissen..." Bilder, Bilder und Sätze, die sich eingravieren.

Einige stehen auch in den Prosaminiaturen, die Valentina Mort unter die Gedichte gestreut hat.

Es sind starke, rhythmische Sätze "mit der schwingenden schneide / ihrer rocksäume, befleckt von päonien".

Man darf sie für ebenso wahr wie wundersam halten.

Valentina Mort: Tränenfabrik. Gedichte.

Aus dem Weissrussischen von Katharina Narbutova.

Edition Suhrkamp 2580, Frankfurt am Main 2009. 86 S., Fr. 18.50.

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